Berlin : Ohne Glaube geht es nicht

Manager, Mutter, Mädchen – und Attac-Mitglied: Brigitte Grothum inszeniert ihren 25. Jedermann Am 20. Oktober hat das Stück Premiere im Berliner Dom. Wie stets ist Werktreue ihr oberstes Gebot

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Zecher vorm Altar. Über 25 Jahre sammeln sich so einige Jedermänner und Buhlschaften an: 2009 etwa Katarina Witt und der weißhaarige Rüdiger Joswig (l.), 1991 Iris Berben und Ezard Hausmann (u. l.) und dieses Jahr stehen Winfried Glatzeder und Barbara Wussow im Dom. Foto: promo (2), dpa
Zecher vorm Altar. Über 25 Jahre sammeln sich so einige Jedermänner und Buhlschaften an: 2009 etwa Katarina Witt und der...Foto: picture alliance / dpa

Dienstagabend im Theater am Kurfürstendamm. Grete ist nicht zu sehen. Liegt sicher wie immer hinter der Bühne und lässt sich streicheln. Die Garderobiere ist ihr Fan. Brigitte Grothum dagegen steht mitten auf der Bühne. Feuerrote Haare, feuerroter Anzug, viel zu viel Farbe für eine pensionierte Lehrerin hoch in den Siebzigern. Die spielt sie nämlich in der Komödie „Kalender Girls“, in der sich britische Landfrauen für einen guten Zweck nackig machen. Auch Grothum, aber nur obenrum. Die Zuschauer johlen. Sie gibt die couragierte Überreife unter den reifen Damen. Die Leute lieben sie.

Das tut auch Grete, Grothums ständige Begleiterin. Zwölf Jahre ist die braun gescheckte Promenadenmischung alt. „Ein richtiger Theaterhund“, sagt Grothum. Allein schon, wie die beiden zueinander gekommen sind. Brigitte Grothum hat ihrem Schauspielkollegen Peter Sattmann einen Welpen abgenommen und im Gegenzug hat der ein weiteres Mal bei ihr den Teufel im „Jedermann“ gespielt. Geschäftstüchtig ist sie, hemdsärmelig auch. Und ihr „Jedermann“ im Dom am Lustgarten geht jetzt zum 25. Mal über die Bühne. Als Doppeljubiläum: 1987 inszenierte die frisch gebackene Prinzipalin und Regisseurin Grothum ihren ersten „Jedermann“ noch in Kreuzberg, in der Kirche am Südstern. Und 1911, also vor 100 Jahren, fand in Mitte im Zirkus Schumann unter Max Reinhardt die Uraufführung des Mysterienspiels von Hugo von Hofmannsthal statt.

Mittwochmorgen in der Luisenkirche am Gierkeplatz, Probebühne des „Jedermann“. Grete schnüffelt am Knie. Die Grothum hat das Feuerrot gegen Tiefschwarz getauscht: Freizeitlook, Turnschuhe. Abends Vorstellung, morgens Probe und rein gar nichts davon zu merken, dass es 76 Jahre her ist, dass sie geboren wurde. Trotz „Drei Damen vom Grill“ und altem West-Berliner Theater-, Charity- und Gesellschaftsadel übrigens in Dessau und nicht in Berlin, wohin sie 1950 kam. Natürlich habe auch sie ihre Alterszipperlein, sagt die Frau, die gern Volksschauspielerin heißt und seit 57 Jahren Theater, Film, Fernsehen spielt. Und setzt preußisch nach: „Die muss man ignorieren.“

„Jedermanns Haus“ heißt die Szene, Grothum bietet Kaffee an. Sie ist mit allen Gewerken per Du. Klein, behende. Mutter, Mädchen, Manager zugleich. Jedermann Winfried Glatzeder ist dagegen noch nicht auf Betriebstemperatur. Sie stupst ihn stur, fordernd, liebevoll an. Er und die anderen Schauspieler sind 10, 20, 40 Jahre jünger, sie ist raumgreifender als alle zusammen.

Dabei muss das doch alles Routine sein. Seit Jahren probt sie hier die aller Welt als verzopft geltende alte Leier vom Leben und Sterben des reichen Mannes. Nix da, auch beim 25. Durchlauf scheint für sie jeder Satz, jede Geste, jeder Auftritt, jeder Abgang neu. Grothum brennt, Grete kläfft durchs Kirchenschiff.

Damals, 1987, als der Bürgermeister von Kreuzberg die aus Edgar-Wallace-Filmen wie von der Salzburger Festspielbühne bekannte Schauspielerin fragte, ob sie sich zur 750-Jahr-Feier nicht was Besonderes einfallen lassen könne, schoss ihr der „Jedermann“ ein. „Zufall“, sagt sie. Ende der Siebziger hatte sie dabei mal in Heppenheim mitgespielt, das Stück für Blödsinn gehalten und wieder ad acta gelegt. Welche Rolle? „Glaube. Den spiele ich auch bis heute in meinem Jedermann. Damals einfach nur, weil er den Schlusssatz hat.“ Das letzte Wort, der bleibende Eindruck, alte Schauspielervorliebe. Und überhaupt: ohne Glaube geht’s ja nicht. Doch genau der fehlte ihr eben zuerst. „Ich war zu doof und habe das Stück absolut nicht verstanden.“ Dann – als sie es wiederentdeckte, hat sie sich verliebt und bringt es bis jetzt – unterstützt von einem kleinen Verein – in frei finanzierter Eigenproduktion heraus.

„Ich bin da wie der tumbe Tor reingestolpert“, sagt sie. Freunde haben mitgespielt, ihr Ehemann hat georgelt. Sie wusste nichts von Werbung, Catering, Technik. „Diese Tumbheit hat mich gerettet, so hatte ich keine Hamlet’schen Hemmungen, überhaupt damit anzufangen.“ Wie sich das Budget der Produktion, für die Grothum jedes Jahr zugkräftige Promi verpflichtet, entwickelt hat, sagt sie nicht. Nur so viel: „Es hat sich verfünfundzwanzigfacht.“ Kein Wunder, dass Medienprofi Grothum, die schon Sponsoren suchte, als andere Kulturschaffende das noch Jahrzehnte für Teufelswerk halten sollten, um jeden ihrer erhofften 15 000 Besucher im Dom buhlt wie der Tod um den Jedermann.

Montagabend in Nikolassee, unweit des Bahnhofs. Grete schießt aus der Haustür und knurrt. Ein rustikal eingerichtetes Haus, unten praktiziert der Gatte, oben wohnt die Tochter, drinnen hat die gute Gastgeberin doch glatt den Abendbrottisch gedeckt. Ländlich-sittlich, mit „Wildrose“ von Villeroy und Boch. Ehemann Manfred Weigert, einst Chef der Orthopädie am Urban-Krankenhaus, einst Mannschaftsarzt von Hertha BSC, einst Organist beim „Jedermann“ macht sich bekannt. Der gebürtige Bayer ist ebenso wie Grothum für unverblümte Sätze über Politik und Religion gut. Beide sind Mitglied bei Attac.

Mit der Brötchenhälfte in der Hand geht es ans Eingemachte: Das tantige Image des „Jedermann“ mit seiner eigenwilligen Kunstsprache und der moralinsauren Botschaft vom reichen Prasser, der auf der Schwelle zum Tod durch den Glauben von irdischen Sünden erlöst wird. Grothum hält eine hinreißende Brandrede. Dämlich seien solche Kritikerworte, schnaubt sie. Im „Jedermann“ gehe es absolut nicht um „klerikalen Kack“, sondern darum, dass „wir lernen können und müssen, gut zu sterben“. Und natürlich, richtig zu leben. Das sei eine Fabel, ein Märchen, das man überhöht spielen müsse, „sonst ist es im Arsch und wird total banal“. Und gegen modernes Regietheater habe sie absolut nichts, aber sehr wohl was dagegen, Stücke zu entmystifizieren. „Werktreue“, nennt sie das, ihr „oberstes Gebot“.

Dass diese Leidenschaft auch noch einen 26. „Jedermann“ trägt, ist ausgemacht. Seit sie nach den Stationen Kirche am Südstern und Gedächtniskirche im Dom angekommen ist, hat sie sowieso aufgehört, die Jedermann-Jahre zu zählen. Obwohl sie eigentlich immer nur das gegenwärtige plant und ständig Theater- und Fernsehengagements laufen hat. Dann wird’s wohl erst mal nichts mit dem verdienten Ruhestand? Den könne sie sich sowieso nicht leisten, winkt Grothum ab. „Und außerdem würde er mich anöden.“ Die Frau hat Größe. Und sie hat Grete.

Berliner Dom, 20.-30. Oktober, 17-51 Euro, Infos: www.jedermann-festspiele.de

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