Berlin : Ohne Murren

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VON TAG ZU TAG

Bernd Matthies sinniert über

den späten Segen der Parkkralle

Es steht, wieder einmal, der Ruf des Berliners auf dem Spiel. Denn, nicht wahr, er fürchtet weder Tod noch Teufel, und Vorhaltungen der Obrigkeit sind ihm nichts als eine weitere Gelegenheit, Takt und Herzensgüte zu zeigen: Beispielsweise durch ein knappes „Ick jloob, ick spinne, wa?“

Insofern waren wir der Überzeugung, dass die viel beraunte Parkkralle zwecks Eintreibung der KfzSteuer auch nur ein weiterer Baustein zur Berliner Amtsfolklore werden würde, eine neues Mahnmal unerfüllter Außenstände. Doch die Behörden haben gelernt. Denn anfänglich lustvoll ausgebreitete Fehler wie der Versuch, eine international übliche Kralle auf Breitreifen Berliner Formats zu zwängen, hatten offenbar nur den Zweck, das neue Folterinstrument bekannt zu machen. Dann kam es sofort in den Schrank, bevor die Sache peinlich wurde. Und das Amt verschickte einfach nur noch Drohbriefe des Inhalts, es gebe da diese hässliche Kralle – und was tut der unerschrockene Berliner? Er zahlt. Einfach so, ohne Murren, ohne das übliche „Ick sare nur: Bundesverwaltungsjericht!“ So, als werde die Kriminalität dadurch abgeschafft, dass die Justiz den Architektenentwurf eines Gefängnisses vorzeigt.

Und was ist in Hamburg, der Hauptstadt der harten polizeilichen Hand? Da müssen die Ordnungskräfte die Kralle ein ums andere Mal anschrauben und beweisen, dass es sie wirklich gibt. Was für eine Verschwendung! Merkwürdig: Der Berliner, so scheint es, fügt sich der Einsicht in das Notwendige inzwischen eher als der angeblich doch so korrekte Hanseate. Wir wollen nur hoffen, dass er nicht auch das Meckern verlernt. Sonst stünde wirklich seine Identität auf dem Spiel.

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