Berlin : Ohne Wegweiser ins Abseits

Vor dem MoMA warten die Massen, in der benachbarten Gemäldegalerie herrscht Leere – weil nichts auf die weltbedeutende Sammlung hinweist

Frederik Hanssen

Es sind nur ein paar Schritte von der MoMA-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie zur Gemäldegalerie am Kulturforum. Und doch wissen die wenigsten Besucher, die im eisigen Frühjahrswind auf Einlass zur großen Schau über die Kunst des 20. Jahrhunderts warten, dass direkt hinter der Matthäikirche eine weitere weltbedeutende Sammlung auf Besucher wartet. Trotzdem sind die eleganten Säle zumeist leer, während sich an der Nationalgalerie die Massen drängeln.

250000 Menschen kommen durchschnittlich pro Jahr in die Gemäldegalerie, 700000 Kunstfans will die MoMA-Ausstellung dagegen in sieben Monaten anlocken – alles potenzielle Besucher auch der Gemäldegalerie. „Selbstverständlich wäre es kein Problem für uns, wenn doppelt so viele Gäste kämen“, sagt Direktor Jan Kelch ganz offen. Fragt man den Museumsmann aber, warum er die Besucher der MoMA-Ausstellung nicht massiv umwerbe, kann man Kelch am anderen Ende der Telefonleitung geradezu mit den Schultern zucken hören. Ja, er kämpfe seit Jahren darum, Hinweisschilder auf dem Gelände des Kulturforums aufstellen zu dürfen, die den umherirrenden Touristen den Weg zur versteckt liegenden Gemäldegalerie weisen. Vergebens. Ja, er fände es auch eine prima Idee, wenn an die Wartenden vor der Nationalgalerie die Werbe-Flyer seines Museums verteilt würden. Nur leider habe er keinen Etat für solche Maßnahmen.

Jede Werbeaktion der 16 staatlichen Museen muss bei einer Zentralstelle beantragt werden. Wenn die eine Aktion nicht für nötig hält, passiert nichts. So wie im Fall der Gemäldegalerie. Die Faltblättchen, die Lust machen auf Dürer, Vermeer, Caravaggio und Co., sind vorrätig, der Verteilen durch Studenten auf Stundenlohnbasis würde bei geringen Kosten maximale Synergieeffekte bringen. Der Leiter der Kommunikationsabteilung, Matthias Henkel, denkt da anders. Er glaubt nicht daran, dass viele Menschen nach dem MoMA auch noch die Alten Meister sehen wollen. Und außerdem wünschten sich die Veranstalter der Sonderausstellung „optische Ruhe“ rund um die Nationalgalerie.

Fragt man bei Peter Raue nach, dem Vorsitzende des Freundeskreises der Nationalgalerie, klingt das so: „Es wundert mich, dass die umliegenden Museen die Chance nicht nutzen, um an die Besucher heranzutreten. 80 Prozent sind Touristen, die mehrere Tage in der Stadt bleiben. Die sollen sich auf jeden Fall neben der MoMA-Schau auch das 19.Jahrhundert auf der Museumsinsel und die Alten Meister in der Gemäldegalerie ansehen.“ Dass er etwas dagegen habe, wenn andere Kulturinstitutionen vor der Nationalgalerie für sich Werbung machten, sei ein Gerücht: „Mich hat niemand dazu befragt.“

Für die enttäuschenden Besucherzahlen der Gemäldegalerie hat der Chef der Staatlichen Museen, Peter-Klaus Schuster, seinerseits einen anderen Grund ausgemacht: Die Piazzetta sei Schuld, jene Rampe, die man erklimmen muss, um ins Kulturforums-Foyer zu gelangen. Darum sollen der schräge Vorplatz nun abgerissen und ein ebenerdiger Eingangsbereich eingerichtet werden. Dabei gibt es diesen Zugang längst: Vor der Tiefgarage, die sich unter der Piazzetta befindet, gelangt man in den Garderobenbereich, ohne eine einzige Stufe zu überwinden.

Nur leider ist die dreistöckige Garage für Mitarbeiter des Hauses und Depotflächen reserviert. Ein schöner Luxus. Geht man davon aus, dass sich jeder der 200 Stellplätze in bester Potsdamer-Platz-Lage vom morgendlichen Bürobeginn bis abends nach dem Ende der Philharmonie-Konzerte für einen Euro die Stunde vermieten ließe, hätte der Staat als Finanzier der Stiftung Preußischer Kulturbesitz seit der Eröffnung der Gemäldegalerie 1998 fast 5,7 Millionen Euro verdienen können. Auf die Idee, das Parkhaus für das Publikum zu öffnen, kam aber niemand.

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