Berlin : Oho, Tannenbaum!

Winterberg hat einen Weihnachtsbaum wie aus dem Bilderbuch an den Breitscheidplatz geliefert. Die alte Mickerfichte wird recycelt

Stefan Jacobs

Zwei von drei Spuren auf dem Ku’damm sind gesperrt: Für Kran, Tieflader und den Container mit dem Elefantenfutter. Seit sechs Uhr früh haben Arbeiter die vor einer Woche unter Protesten des Publikums aufgestellte Fichte zersägt, um Platz zu schaffen für den Ersatzbaum. Den haben die Stadtväter von Winterberg im Sauerland auf die Reise geschickt, nachdem der von ihnen versprochene „schönste Weihnachtsbaum Berlins“ im ersten Durchgang halb kahl und mit einem Dutzend abgebrochener Äste am Breitscheidplatz angekommen war.

Etwa 50 zumeist ältere Berliner haben sich an der Gedächtniskirche eingefunden, um die neue Spende zu begutachten, die der Kran vom Laster hievt. Auch Michael Beckmann, Pressesprecher von Winterberg, ist angereist und schaut gespannt nach oben. Langsam erhebt sich eine Tanne in die Lüfte, 19 Meter hoch, ebenmäßig im Wuchs, saftig wie Weichspülerwerbung und fast unnatürlich makellos. „Oooh!“, rufen ein paar Leute und vergessen vor Begeisterung, die Münder wieder zu schließen. „Ein Gedicht“, sagt ein Paar, das eben noch grinsend um den Container mit dem Grünzeug geschlendert war. Eine Frau, die aus Hellersdorf angereist ist und ihr brabbelndes Enkelchen hinter sich her zieht, sucht nach Worten: „Ja, der ist – also ich bin schon viel rumgekommen, aber so was Herrliches! Einmalig. Irre.“ Sie habe extra ihren Enkel mitgebracht, damit er sieht, wo die Weihnachtsbäume herkommen. Das Kind friert an der Hand seiner Oma, aber heute hat es gelernt, dass Weihnachtsbäume von Lastwagen kommen. Nicht von irgendwelchen, sondern von extra langen mit ebener Ladefläche. Die Mickerfichte der vorigen Woche lag während der 550 Kilometer langen Fahrt hart zwischen den Stahlstreben eines Holztransporters. Diesmal wurde eine mit Weihnachtsbäumen geübte Spedition beauftragt. Die vorige bringt sonst Stämme ins Sägewerk.

Beckmann, der Winterberger, sieht zufrieden aus, während er mit Christian Wagner schon Synergien zwischen Medienrummel und Tourismuswerbung erörtert. Wagner ist Sprecher des Berliner Schaustellerverbandes, der den Weihnachtsmarkt veranstaltet und sich erst auf die Ersatzlieferung einließ, als die Winterberger alle Kosten übernahmen. „Nächstes Jahr wollen wir hier eine Sauerland-Woche machen“, sagt Wagner, der wie vor einer Woche die Micky-Maus-Krawatte übers Karohemd gebunden und die rote Regenjacke übergezogen hat. Er ist begeistert von den Spendern, die zur festlichen Beleuchtung am kommenden Montag nicht nur ihren Bürgermeister, sondern auch 1000 eingetopfte Gratisbäumchen nach Berlin schicken wollen. Die werden dann an die Leute verschenkt; außerdem gibt’s fünf Reisen nach Winterberg zu gewinnen – inklusive Weihnachtsbaum für zu Hause.

Beckmann kann der anfänglichen Mäkelei der Berliner auch etwas Positives abgewinnen: „Wir sind jetzt mit zwei Weihnachtsbäumen präsent.“ Die obere, grünere Hälfte wird nämlich nicht zerkleinert und an die Elefanten verfüttert. Sie wird am Rüdesheimer Platz aufgestellt. Als Weihnachtsbaum.

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