Berlin : Ohrfeigen auf Bahnsteig 3

Wolfram siebeck

Wenn man sich vorstellt, dass Frau Hoffmann zwanzig Stunden des Tages verschläft, könnte man denken, dass sie in den kurzen Wachzeiten nicht viel von den großen Fragen der Menschheit mitkriegt.

Deshalb verblüfft sie mich immer wieder, wenn sie zu erkennen gibt, wie sehr gut sie informiert ist, sogar gebildet, wenn man die Pisa-Studie als Maßstab nimmt. Ich kann mir ihre intellektuelle Neugier nur so erklären, dass sie sich während des Schlafens mit Wissen auflädt wie mein Handy, das ich abends an seine Ladestation hänge.

Frau Hoffmann hat einmal wochenlang in einer Bücherkiste geschlafen. Danach war sie nicht zum Aushalten. Kaum wach, belämmerte sie mich mit Shakespeares Sonetten, hielt mir Goethes Weinkonsum und Thomas Manns Schwulität als abschreckendes Beispiel vor und zitierte Rilke bis zum Abwinken.

„Was bedeutet dieser Streit um den neuen Berliner Bahnhof?“, fragt sie, meine Siesta beendend, indem sie mir auf den Bauch hopst.

„Die Berliner können kein Haus bauen, ohne sich darüber zu streiten“, sage ich und suche etwas gegen den Nachdurst.

„Aber warum streiten sie?“

Weil sie ein streitlustiges Völkchen sind, möchte ich antworten, fürchte aber weitere Nachfragen, die in ein Geschichtsseminar ausufern. Stattdessen brumme ich unwillig, stehe auf und bewege mich in Richtung Kühlschrank. Der ist groß und alt und heißt Bosch. Gott sei Dank kann er nicht reden. Frau Hoffmann ist mir auf den Fersen und lässt nicht locker:

„Was haben sie gegen den Bahnhof?“

„Ich weiß es nicht“, sage ich und greife nach einer Flasche Mineralwasser.

„Berliner sind dafür bekannt, dass sie immer etwas zu meckern haben. Sie meckern, wenn andere Berliner das Schloss wieder aufbauen oder den Palast der Republik abreißen wollen.“

„Wollen sie den Bahnhof wieder abreißen?“

„Ich weiß nicht“, (die Flasche ist jetzt halb leer), „vielleicht wollen sie bloß darauf aufmerksam machen, dass sie einen neuen Bahnhof haben. Manche Leute tun alles, um in die Schlagzeilen zu kommen.“

„Kommt man mit einem Bahnhof in die Schlagzeilen?“

„Aber klaro! Man muss nur ein unbedeutender Filmstar sein und den Mann auf Bahnsteig 3 ohrfeigen.“

„Welchen Mann?“

„Den eigenen, natürlich. Das interessiert mehr Leute, als in einem Monat mit dem Zug fahren.“

Frau Hoffmann nagt an ihrer linken Pfote. Dann sagt sie scharfsinnig: „Also wollen sie den Bahnsteig 3 an dem neuen Bahnhof abreißen, nicht wahr?“

„Abreißen oder ausbauen; was weiß ich. Herrn Mehdorns Ratschlüsse sind unergründlich.“

„Ist das der Mann, der geohrfeigt wird?“

Verdient hätte er es, denke ich und erinnere mich an skandalöse Verspätungen. Aber der hat bestimmt keinen Filmstar geheiratet. Doch jetzt will er nach Hamburg. Wer weiß, was da auf ihn wartet.

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben