Berlin : Oktay Urkal: "Backpfeifen tun ganz schön weh!"

Thomas Loy

"Gut sieht er aus", flüstern die Journalistinnen, die heute klar in der Mehrheit sind. Dunkle Haare, schmales Gesicht, dunkler Teint. Unter der langen schwarzen Lederjacke aber nur ein enttäuschend grauer Sweater. Kaum was zu sehen vom Ultraleicht-Boxer Oktay Urkal, Silbermedaillengewinner von Atlanta und amtierender Europameister. Sein Auftritt ist überaus handzahm: Keine Fanfaren, keine Fan-Tumulte, nur gesittetes Händeschütteln mit den Damen vom Podium. Urkal ist in den politischen Ring getreten, weiß nicht, wohin mit den Fäusten und bekennt bei stark erhöhter Pulsfrequenz: "Vor so vielen Frauen habe ich noch nie geredet." Die Journalistinnen zerschmelzen.

Profiboxer Urkal ist der prominente Imageträger für die neue Kampagne "Gemeinsam gegen Männergewalt", die von verschiedenen Anti-Gewalt-Projekten der Stadt im Roten Rathaus vorgestellt wurde. Gewalt gegen Frauen und Kinder habe trotz intensiver gesellschaftlicher Arbeit - Aufbau von Frauenhäusern, Beratungsangebote, schärfere Gesetze - nicht abgenommen, erklären die Initiatoren.

Nach mehreren Dekaden der Opferperspektive sollen jetzt die Täter in die öffentliche Wahrnehmung gezerrt werden. Männergewalt sei zunächst Männersache. Wer nicht zu den Tätern gehört, aber Mann ist, müsse endlich aufhören, schweigend Solidarität zu üben. Urkal zumindest will für die Kampagne seinen Kopf hinhalten. Regungslos lässt er die Aufzählung von Gewalt-Folgekosten über sich ergehen: Polizeieinsätze, Krankenhausaufenthalte, ausgeschlagene Zähne. Auch die Forderung, Männern die Krankenkassen-Beiträge zu erhöhen, nimmt er kommentarlos hin. Nach den korrekt bis freundlich verlesenen Eingangsreferaten outet sich der Boxer überraschend als Betroffener. "Ich weiß, wie das ist, eine Backpfeife von einem Älteren zu kriegen. Das tut ganz schön weh." Er habe sich früher als Junge "duchboxen" müssen und von seiner Mutter "mit den Latschen" öfter was "auf den Po" bekommen. Sowas prägt.

Frauengewalt war aber jetzt nicht das Thema, und Urkals leidvolle Mutter-Erfahrung blieb auf dem Podium ohne Widerhall. An der guten Botschaft seines Sports lässt Urkal keinen Zweifel aufkommen. Dass Boxer wie Graciano "Rocky" Rocchigiani auch außerhalb des Rings schlagfertig geworden sind, davon wisse er nichts. Urkal macht stattdessen in Familie, geht Streit aus dem Weg und will versuchen, seinen einjährigen Sohn Enis gewaltfrei großzuziehen.

Das traditionelle Bild des türkischen Macho-Mannes, der zu Hause die Rute führt, hält er für eine Chimäre, die besonders in den Köpfen der deutschstämmigen Mitbürger herumspuke. Also Gleichberechtigung? Das geht nun doch zu weit. Zu Hause führe er schon "das große Wort", schließlich verdiene er auch das große Geld. Seine Frau dürfe dagegen in vielen kleineren Dingen entscheiden. "Wir teilen uns das." Viel zu spitzfindig, diese Reporterfragen.

Das mit dem Kopf hinhalten, war eher für die Fotografen und Kameraleute gedacht. Für RTL fuchtelt Urkal etwas später noch mit den Fäusten herum, erst die linken und rechten Geraden, dann noch blitzschnelle Kinnhaken. Das sanfte Lamm Urkal als präzise Kampfmaschine. Ein schöner Kampagnen-Trailer. RTL-Gucker müssten da nur ein wenig um die Ecke denken.

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