Oktoberfest am Alex : Die Berliner können einfach keine Volksfeste

Abjezapft is! Seit dem Abbau des Berliner Oktoberfestes zu Beginn der Woche darf der Alex wieder Alex sein. Das ist gut. Für die Zukunft sollten sich die Berliner von einem Bayern eins gesagt sein lassen: Volksfeste können sie einfach nicht.

Arno Makowsky
Sacklzementzefixhalleluja! In Berliner Zelten, ob wie hier am Hauptbahnhof oder am Alexanderplatz, kommt einfach keine rechte Oktoberfest-Stimmung auf, meint unser Münchner Gastautor.
Sacklzementzefixhalleluja! In Berliner Zelten, ob wie hier am Hauptbahnhof oder am Alexanderplatz, kommt einfach keine rechte...Foto: dpa

Es soll Menschen geben, die den Alexanderplatz nicht mögen – zu viel DDR-Nostalgie, zu viel Beton, zu viele Würstchenverkäufer mit Grill-Bauchladen und Schirm. Ich mag ihn. Und das nicht nur, weil dort in einem scheußlichen Flachbau, umtost vom Verkehr, eine Pizzeria ausgerechnet mit dem Namen „Romantica“ residiert. Für mich als Exilmünchner, der ein paar Monate lang eine richtige Großstadt erleben darf (und gleich beim Alex wohnt), ist dieser Platz ein Symbol für das Krasse, das Größenwahnsinnige, das Reizvolle Berlins.

Noch besser gefällt mir der Platz allerdings, seitdem in der vergangenen Woche Kräne und Lastwagen dort die Überreste einer peinlichen Veranstaltung abtransportiert haben, die sich – meine Tastatur weigert sich fast, es hinzuschreiben – Oktoberfest nennt.

Ehrlich, Berliner, muss das sein? Anjezapft is? Spießiger Almhüttenzauber mit Bier aus Plastikbechern und knorke „Gaudi-Stube“? Enthemmte Marzahnerinnen im Dirndl, die das Kinderkarussell kapern? Randalierende Lederhosentypen, die den Charakter der Münchner Wiesn als Intersuff 2014 glaubwürdig nachempfinden?

Dabei schauen wir Münchner ja eigentlich neidvoll auf Berlin. Neuerdings jedenfalls. Früher war das anders, da war München die „heimliche Hauptstadt“, das Eldorado der Lebenskünstler und Promis und Cabriofahrer. Die aufregendsten Filme, die rätselhafteste Kunst, die schicksten Restaurants, die geilsten Partys – alles in München. Und heute? In den Ateliers der Bavaria drehen sie nicht mehr das „Boot“, sondern „Sturm der Liebe“, der nächste Drei-Sterne-Fresstempel liegt am Tegernsee, und im P1 tanzen Menschen aus Ebersberg und Oberpframmern. Alle anderen sind in Berlin. Nur Uschi Glas und Lothar Matthäus halten München die Treue.

Ein Münchner würde sich lieber vom Fünferlooping stürzen, als Wiesnbier aus Plastikbechern zu trinken

Was uns bleibt? Logisch, die Wiesn. Und heute? Laufe ich über den Alex, höre Blasmusik, sehe verkleidete, grölende Menschen, und habe das Gefühl: Nicht mal mehr das Oktoberfest lassen sie uns. Und dann auch noch so! Ehrlich: Euer Spektakel auf dem Alexanderplatz ist zwar nur eines von etwa 497 Oktoberfesten weltweit, aber mit Sicherheit eines der lächerlichsten. Wenn ich richtig informiert bin, habt ihr, was Volksfeste angeht, außer dem Werderaner Baumblütenfest im fernen Umland kaum etwas zu bieten, euer „Zentraler Festplatz“ liegt irgendwo j.w.d. eingequetscht zwischen Einflugschneise und Ausfallstraße. Mithin habt ihr keine Expertise auf dem Gebiet des stilvollen Massenbesäufnisses. Kein Wunder, dass ihr Gemütlichkeit mit Depression und Stimmung mit Herumplärren verwechselt.

Übrigens: Ein Münchner würde sich lieber vom Fünferlooping stürzen, als Wiesnbier aus Plastikbechern zu trinken. Und wenn wir schon beim Besserwissen sind: Nein, liebe Kreuzberger Clique, es heißt nicht „Trinken wir noch ein Maß“, es heißt eine Maß, die Maß ist so weiblich wie die Bavaria, die hoch über dem Käferzelt mit gütigem Blick die Apokalypse auf der Theresienwiese beobachtet. Und nein, liebe Speisekarten-Dichter vom Lindenbräu im Sony-Center, es heißt nicht „ein halbes Bier“, es heißt eine Halbe, weil es die Hälfte einer Maß ist.

Kann es sein, Berliner, dass es sich bei eurer Alex-Wiesn um ein Relikt handelt aus der Zeit, als ihr noch kein richtiges Selbstbewusstsein hattet? Als man die Witzversion eines Oktoberfestes brauchte, um sich seiner eigenen Bedeutung zu versichern? Eine Trash-Veranstaltung, um eine Stadt lächerlich zu machen, die euch mit ihrer Schönheit, ihrem idyllischen Alpenvorland, ihrem erfolgreichen Fußball und ihrem Reichtum provoziert? Ehrlich, Preußen, das habt ihr nicht nötig. Lasst es bleiben mit dem Oktoberfest, das ist für alle besser. Auch für den Alex.

Wer weiß, vielleicht kommen die Münchner sonst noch auf abwegige Gedanken und veranstalten ein original Werderaner Baumblütenfest auf der Leopoldstraße. Mit Uschi Glas als Baumblütenkönigin.

Arno Makowsky war Chefredakteur der „Abendzeitung“ und lebt eigentlich in München. Als Berater des Tagesspiegels verbringt er einige Monate in Berlin. Der Text entstand als Rant für unsere gedruckte Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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