Berlin : Oktoberfest auf der Schlammwiese

Nach der Hochwasserkatastrophe stellt man sich an der Schwarzen Elster auf langfristige Folgen für die Region ein

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München/Herzberg - Zu den wenigen Profiteuren des jüngsten Hochwassers im Brandenburger Süden gehört ausgerechnet das Münchner Oktoberfest. Denn es konnte sich über mehrfache und vor allem kostenlose Werbung freuen, tauchte es doch sogar in einer offiziellen Meldung des Brandenburger Katastrophenstabes auf. Erst bei genauem Hinsehen löste sich das Rätsel. Das große München besitzt zwischen Herzberg und Bad Liebenwerda einen Namensvetter, wenn auch einen sehr kleinen. Ein Oktoberfest aber mit Bierzelt, Rummel, Bühne und Blasmusik organisieren seit Jahren auch die „märkischen Münchner“. Das Hochwasser der Schwarzen Elster überschwemmte allerdings vor einer Woche die vorgesehene Wiese, sodass es zu der schönen Schlagzeile „Münchner Oktoberfest fällt aus“ kam. Die anfängliche Verwunderung schlug vielerorts in Neugierde auf das brandenburgische München um, und somit dürfte die Wiederholung des Fests an diesem Wochenende auf reges Echo treffen.

Die Folgen des gerade überstandenen Hochwassers entlang der Schwarzen Elster sind überall sichtbar. Die meisten Felder mit einer Gesamtfläche von 120 000 Hektar stehen entweder unter Wasser oder sind dick mit Schlamm bedeckt. „Die Ernte fällt aus, ebenso die Aussaat des Wintergetreides“, sagt der Chef des Bauernverbandes im Kreis Elbe-Elster, Günter Barth. „Wir schätzen die Verluste auf rund 150 Millionen Euro und hoffen auf die Unterstützung des Landes.“ Noch keine Schadensbilanz konnte bisher für die von den Fluten betroffenen zahlreichen privaten und kommunalen Grundstückseigentümer aufgestellt werden. Nur langsam weicht die braune Brühe aus den Kellern, Garagen, Schuppen und Gärten zurück.

Umso lebhafter wird auf dem kleinen Oktoberfest über die Ursachen des heftigsten Hochwassers der Schwarzen Elster seit Jahrzehnten diskutiert – und über die Ursachen für die außergewöhnlichen Niederschläge. Das regionale Wetterstudio in Herzberg registrierte zwischen dem 25. und 27. September einen nie zuvor erlebten Niederschlagsstau. In nur 60 Stunden fielen danach 115 Liter Wasser auf den Quadratmeter. Das ist das Zweieinhalbfache des Herzberger Monatsmittels. Im August und September gingen zusammen 309 Liter nieder, 58 Prozent der durchschnittlichen Jahresmenge.

„Hier sehen wir durchaus eine Folge des Klimawandels“, meint der Präsident des Landesumweltamtes, Matthias Freude. „Die Luft wird im Schnitt immer wärmer, was sich auch in langen und heißen Trockenperioden niederschlägt. Aber warme Luft saugt auch viel Feuchtigkeit auf. Beim Zusammentreffen mit kalten Luftmassen aus dem Norden führt das zu mitunter unfassbaren Starkregenfällen.“ Früher hätten solche Regenmengen das Riesengebirge oder das Osterzgebirge getroffen und dort die Oder und die Elbe wie 1997 oder 2002 anschwellen lassen. „Diesmal lag die Luftmassengrenze genau über der Schwarzen Elster und der Spree, sodass wir plötzlich gegen unvorstellbare Wassermassen kämpfen mussten.“

Nicht zuletzt deshalb hat Regierungschef Matthias Platzeck einen Begriff aus seinem Wortschatz gestrichen. „Wir können nicht mehr von einem Jahrhunderthochwasser sprechen“, sagte er mit Blick auf das übervolle Flussbett der Spree in Spremberg. „Damit verstellen wir uns nur den Blick auf ein viel häufiger als früher auftretendes Naturereignis.“

Eine fatale Entwicklung gerade für das Gebiet entlang der Schwarzen Elster. Schon vor 150 Jahren wurde der Fluss auf seinem fast 90 Kilometer langen Weg durch das heutige Südbrandenburg durch Deiche zum Kanal. Auf den gewonnenen Uferflächen entstanden Straßen, Häuser, Plätze und Felder. Die Deiche aber hielten dem Druck in den letzten Wochen nur dank riesiger Sandsackbarrieren stand. „Wir müssen zunächst vor dem Winter die schadhaften Stellen reparieren und uns dann an die Ausweisung von potenziellen Überschwemmungsflächen machen“, sagt der oberste Deichschützer Matthias Freude. An der Oder und an der Elbe sei der Anfang bereits gemacht worden. Claus-Dieter Steyer

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