Berlin : Olaf Siegfried Holzapfel (Geb. 1915)

Astrologe, Hörspielautor, Gartenarbeiter. Eigentlich Dichter.

Anselm Neft

Seine Mutter, eine evangelisch getaufte Kommunistin, die in den dreißiger Jahren schwungvoll zum Nationalsozialismus wechselte. Sein Vater, Katholik und Weltkriegsveteran, der Gedichte über Luftfahrt und die Glorie des Führers schrieb und es unter den Nazis zum Reichsamtsleiter für Musik brachte. Olaf selbst, getauft auf den Namen Siegfried, konnte den heldischen Erwartungen seines Vaters wenig entsprechen. Er litt unter Myoclonie, einer seltenen Krankheit, von der man heute weiß, dass es sich um eine winzige Deformation der Blutkörperchen handelt, die ein unkontrolliertes Zucken der Muskeln bewirkt. Der Vater ertrug den Anblick seines mit dem Besteck zitternden Siegfrieds kaum. Da sah er die eigene, dem Sohn vererbte Krankheit.

Einen väterlichen Freund fand Olaf in dem Expressionisten Reinhard Goering, der beim Vater ein- und ausging. In Konkurrenz zum Vater hatte Olaf selbst zu dichten begonnen und fand erste Bestätigung in dem Lob des Dichters. Reinhard Goering war in diesen Tagen kein Unbekannter, ebenso wenig wie Elly Ney oder Joseph Goebbels, die ebenfalls hin und wieder beim Vater zu Gast waren.

Um so größer war der Schock, als im November 1936 Goering in einem Wald bei Jena tot aufgefunden wurde. Ein Selbstmord wurde vermutet. Olaf begann, sich Fragen zu stellen. Später, als der zweite Mann seiner Schwester, ein Nazigegner, von der Gestapo „auf der Flucht“ erschossen wurde, bestätigte sich Olafs Skepsis gegenüber dem System. Seine Freundin Rosemarie nahm ihm die letzten Illusionen über den Nationalsozialismus. Da wunderte es ihn kaum noch, dass er das 1939 begonnene Studium der Germanistik und der Zeitungswissenschaften nach zwei Jahren wegen eines Gutachtens der Reichs-Ärztekammer aufgeben mus- ste. Ihm wurde „Erbun- tauglichkeit“ attestiert.

Auch wenn einige seiner Gedichte politisch sind – ein politischer Mensch wurde er nie. Sein Interesse galt der Liebe und der Sinnlichkeit. Einer immer wieder aufflackernden Affäre mit seiner Cousine entsprangen zwei Kinder. Rosemarie, die er 1942 geheiratet hatte, bekam mindestens zwei Kinder von ihm. 1949 einigten sich die Eltern, ein drittes Kind als „Fehltritt“ Rosemaries zu bezeichnen – damit hatten sie einen rechtskräftigen Scheidungsgrund.

Schon während der Ehe lernte Olaf bei der Ufa Renate Liebe kennen, die einzige, die gerne ein Büro mit dem „Zappelphilipp“ teilte und bald Gefährtin und Lebensinhalt des 13 Jahre Jüngeren wurde. Sie gab ihm den Zweitnamen Lunaris, den er fortan anstelle des verhassten „Siegfried“ trug. Als Filmdramaturg sprühte er vor Ideen, die Kollegen suchten nun doch seine Nähe – und dann wurde die Ufa ausgebombt und das Leben im Pelzmantel und mit silbernem Zigaretten-Etui fand sein jähes Ende.

Olaf bewies immer wieder Wandlungsfähigkeit: Von einem Tag auf den anderen wurde er vom Ketten- zum Nichtraucher, so wie er viel später, mit 70, so schwer zu trinken begann, dass ihm morgens die Hände zitterten, bis er schlagartig keinen Alkohol mehr anrührte. Flexibel war er auch bei seinen Tätigkeiten: Astrologe, Hörspielautor beim RIAS, Gartenbauarbeiter, Referent für Luftfahrzeugbau, Bibliothekar. Renate steuerte mit verschiedenen Jobs und ihrer Witwenrente Geld zum Leben in einer kleinen Wohnung in der Clayallee bei. Einen Job hatte ihr Olaf allerdings vermasselt: Während des Kriegs hatte sie in einer Munitionsfabrik gearbeitet. Besorgt rief Olaf dort an: „Hier Gestapo. Sorgen Sie dafür, dass sich Renate Liebe unverzüglich und ohne Trara aus dem Werk entfernt! Verstanden?“ Olaf, der zeitlebens Behörden fürchtete, hatte zu Recht auf den Obrigkeitsgehorsam gesetzt.

Seine Kinder wuchsen nach der Scheidung in Heimen auf. Er hielt sich, nicht zuletzt wegen der Beziehung zum eigenen Vater, der 1945 von den Russen deportiert worden war, für keinen geeigneten Vater. Dennoch setzte er auf Anraten der Schwiegermutter alles daran, seinen Sohn Carl-Wolfgang aus dem Heim zu sich zu holen. Er heiratete Renate, weil die Behörden „geordnete Verhältnisse“ verlangten. Die familiäre Geborgenheit währte für den Zwölfjährigen jedoch nur zwei Jahre. Auf der einen Seite stand ein heimgeschädigter, schwer erziehbarer Jugendlicher, auf der anderen ein bemühtes, aber pädagogisch ungelenkes Paar. Obwohl Carl-Wolfgang wieder ins Heim musste, blieb er seinem Vater tief verbunden. Die beiden gingen oft zum Roulette, eine Leidenschaft, in die Olaf viel Zeit und Geld investierte. Bis zuletzt glaubte er an ein System. Carl-Wolfgang vertraute er auch sein „Zahlenalphabet“ an, eine kabbalistische Variante, Zusammenhänge zwischen Zahlen und Gegebenheiten herzustellen. Natürlich wunderte es den am 8. 1. 1915 Geborenen nicht, dass der Todestag seiner Mutter auf den 1. 8. 1951 fiel.

Renate starb 1987 – und er suchte schnell nach Alternativen. Er hielt um die Hand der Witwe des einstigen Besitzers der Kindl-Brauerei an, erhielt einen Korb und versuchte es kurz darauf bei der geschiedenen Frau eines Jugendfreundes: „Ich habe Mona gefragt, ob sie meine Frau werden will. Sie hat abgelehnt. Nun frage ich dich: Willst du?“

Die Ehe währte bis 2002, Inge starb an Krebs. Von da an lebte Olaf alleine in seiner geliebten Dachwohnung. Fast 50 Jahre hat er dort verbracht. Gestorben ist er allerdings im Pflegeheim. Auf der Brust den Band „Heimat“, eine kleine Auswahl seiner über 8000 Gedichte, die Carl-Wolfgang hatte drucken lassen. Die Gedichte handeln von der Suche nach einer verlorenen Heimat, der Suche nach Liebe und dem tiefen Frieden des Rastlosen, wenn er für einen Augenblick aufhört, zu suchen. Der am 01. 08. 15 Geborene starb am 15. 01. 08. Anselm Neft

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