Berlin : Olav Oddvar Nymoen (Geb. 1931)

Auch Fußgängerstege und Brücken für Kröten plante und prüfte er

Felix Lampe

Was ist eine Brücke? – Als Brücken gelten alle Überführungen eines Verkehrsweges über einen anderen Verkehrsweg, über ein Gewässer oder über tiefer liegendes Gelände, wenn ihre lichte Weite zwischen den Widerlagern zwei Meter oder mehr beträgt, hätte Oddvar Nymoen vielleicht geantwortet und damit die amtliche Definition nach DIN 1076 wiedergegeben. Vielleicht hätte er aber auch davon gesprochen, wie eine Brücke im Kopf entsteht, als Idee zwei Ufer miteinander zu verbinden, und wie dieser Idee ein Entwurf entwächst, wie ein Plan und Berechnungen entstehen, die schließlich in den Bau und in die Prüfung der Brücke münden. Vielleicht hätte er von der Schönheit eines antiken Brückenbogens geschwärmt, den er auf einer Reise gesehen hat. Oder er hätte ein Gedicht über eine Brücke zitiert. Auf Norwegisch natürlich, denn der Berliner Brückenbauer stammte aus einem Ort in der Nähe von Oslo.

Der Weg von Norwegen nach Berlin führte über Graz, wo nach dem Krieg viele Norweger studierten. Außerdem waren da die österreichischen Alpen. Anfang der fünfziger Jahre schrieb sich der passionierte Skiläufer an der Technischen Hochschule in den Studiengang Bauwesen ein.

Wer aus der norwegischen Provinz Telemark stammte, hatte Ansprüche ans Skilaufen. Die Steiermark war in den Ferien der richtige Ort. Das dachten sich auch einige Studenten aus dem Berliner Flachland, unter ihnen: Roswitha. Der freundliche junge Mann mit der Tolle und dem Norwegerpulli verliebte sich in die Romanistikstudentin, und weil das immer noch kriegsversehrte Deutschland Brücken brauchte, kam er schließlich mit dem Diplom in der Tasche zu ihr nach Berlin. Sie heirateten und bezogen das Haus ihrer Eltern in Tegel. 1963 trat er eine Stelle im Brückenbauamt am Fehrbelliner Platz an. Olav Oddvar Nymoen: Referatsleiter für Planung und Prüfung.

Brücken brauchte Berlin. Autobahnbrücken in den Sechzigern und Siebzigern, nach der Wende dann vor allem S-BahnBrücken. Aber auch Fußgängerstege plante und prüfte der Ingenieur Nymoen, und, nicht zu vergessen: Brücken für Kröten. Manche Brücken stellten eine echte Herausforderung dar, wie die Kronprinzenbrücke zwischen Mitte und Tiergarten. Der Entwurf des berühmten Architekten Santiago Calatrava galt als unbaubar, Oddvar Nymoen und sein Team realisierten ihn dennoch. Die vom Brückenbauamt besaßen den Ruf einer Spezialtruppe für schwierige Fälle.

Wenn heute ein Berliner eine Straße, ein Gewässer oder ein tieferliegendes Gelände überquert, kann es gut sein, dass sein Schritt von Oddvar Nymoens Arbeit getragen wird, Arbeit, die er auch gerne mit nach Hause nahm. Still sitzen und nichts tun, das konnte er nicht so gut.

Es sei denn, beim Musikhören. Vor allem Brahms und Beethoven. Lief im Radio ein Stück, auf dessen Titel man nicht kam, hieß es: Oddvar fragen! Er spielte kein Instrument, aber seine drei Kinder und die sechs Enkel erfüllten das Haus regelmäßig mit Musik.

So sehr Oddvar Nymoen begeisterter Berliner Großstädter war und sich in technische Probleme hineinwühlen konnte, so sehr zog es ihn immer wieder hinaus in die Natur. Vor seinem Studium hatte er ein Jahr auf einer abgelegenen Insel in Nordnorwegen als Lehrer gearbeitet und früh die Einsamkeit kennengelernt. Und weil er immer eine intensive Beziehung zu seinem Heimatland pflegte, kaufte sich Familie Nymoen eine Hütte im Gebirge, und zwar eine ohne Strom, dafür mit wilden Tieren drumherum. Große Familienwanderungen wurden von hier unternommen, bei denen Oddvar Nymoen naturgemäß die Planung innehatte. Er besaß ein gutes Gespür für die richtigen Plätze, geschützt vorm Wetter oder mit guter Aussicht. Im Nu hatte er ein kleines Feuer entfacht, auf dem der Kaffee kochte. Und wenn man dann still war, konnte es sein, dass ein Troll vorbeischaute.

In Berlin stillte er seinen Bewegungsdrang im Tegeler Forst, der kurz hinter dem Haus beginnt. Dort lief er weite Joggingrunden. Auch als die Leukämie vor vier Jahren kam, ließ sich Oddvar Nymoen nicht in den Sessel zwingen, er nahm die Nordic-Walking-Stöcke zur Hand und fegte durch den Wald. Als es schlimmer wurde, setzte er sich eben aufs Fahrrad. Seine Wege führten ihn über viele Brücken, die er selbst geplant hatte. Er konnte sicher sein, dass sie ihn trugen.

Auf der Traueranzeige steht ein Vers von Bjørnstjerne Bjørnson, dem Dichter der norwegischen Nationalhymne, der ihn berührt hatte: Undrer mig på hvad jeg får å se over de høie fjelle. – Ich wüsste gerne, was ich zu sehen kriege, jenseits der hohen Berge. Felix Lampe

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