Berlin : Old Shatterhands Rache

Das Geheimnis des Kriminalgerichts: Nach einem Prozess in Charlottenburg 1910 durfte man Karl May einen „geborenen Verbrecher“ nennen. In Moabit wurde das korrigiert, aber seine Gesundheit war ruiniert. Die ersten Filme mit Kara ben Nemsi 1920 hat er nicht mehr erlebt.

Andreas Conrad

Mögen Löwenbabys Schokolade? Zoologisch betrachtet wird man die Frage verneinen müssen, aus filmhistorischer Sicht kann man sich nicht so sicher sein. Warum sonst hätte sich der „Film-Kurier“ im Drehbericht „Die Teufelsanbeter in Berlin“ vom 6. Juli 1920 Gedanken zum Tierschutz gemacht? „Die kleinen Löwen werden von den Damen, die sie ,einfach süß’ finden, zu sehr verhätschelt (sie werden sich noch den Magen verderben an der vielen Schokolade).“ Insgesamt aber schien die exotische Kulisse imposant. Der Reporter registrierte zufrieden Dromedare in hinreichender Zahl und beschrieb enthusiastisch, wie „eine türkische Kavallerieabteilung im vollen Trab in die kleine Wüstenoase“ einritt, während sich „das riesige, blau-goldene Portal der Moschee“ öffnete und „eine knallbunte, diskutierende, streitende, schreiende, verknäulte Masse von orientalischen Gestalten“ herausströmte.

Der Anlass zu dieser filmischen Fata Morgana schien aber auch jeden Aufwand zu rechtfertigen. Schließlich ging es um nicht weniger als die erste Verfilmung von – Karl May. Denn Jahrzehnte bevor zwei Berliner Produktionsfirmen sich gegenseitig Publikum mit ihren konkurrierenden Karl-MayVerfilmungen abzujagen versuchten, ritten Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar schon über den Basar von Johannisthal und durch den Wüstensand von Lübars.

Der Studiodrehort, die Doppelhalle der Albatros-Flugzeugwerke, die als Folge des Versailler Friedensvertrages zum Jofa-Filmstudio umgebaut worden war, ist längst vergessen. Auch die Darsteller der beiden berühmten Romanfiguren, Carl de Vogt und Meinhart Maur, kennt heute kaum mehr jemand, ebenso wenig die Frau, die hinter dem ehrgeizigen Projekt stand: Marie Luise Droop, Produzentin, Drehbuchautorin, Regisseurin und vor allem schwärmerische Karl-May-Leserin: „Winnetou war meine erste Liebe.“

Schon als Schülerin in Stettin hatte sie zum Ruhme ihres Idols den Verein „Gloria Carolus magnus“ gegründet, ihm als 13-Jährige eine „Phantasie am Grabe Winnetous“ zugesandt, woraus sich erst eine Korrespondenz, dann eine Freundschaft entspann. 1910 zog sie nach Berlin, schrieb fürs „Berliner Tageblatt“, wechselte zum Ullstein-Verlag, als Redakteurin für Frauenzeitschriften. Und war damit ihrem verehrten Meister ganz nah gerückt, als dieser in Berlin den schwersten Kampf seines Lebens zu durchleiden hatte.

Eine Flut aus Verdächtigungen, Verleumdungen, Lügen war in den letzten Lebensjahren über den Schriftsteller hereingebrochen. Daraus erwuchs ein „dumpf verfilzter Prozessdschungel, im dem sich der alte Mann mit letzten Kräften herumschlug“, wie Biograf Hans Wollschläger schrieb. Die Hochachtung für das literarische Schaffen des vermeintlichen Old Shatterhand alias Kara ben Nemsi war ins Gegenteil umgeschlagen, als sich die behauptete Wahrheit als Dichtung herausstellte und die Vorstrafen des jungen May bekannt wurden. „Unter Geiern“ – der Titel seines Buches, das 1967 in den Kammerspielen zur Aufführung kam und noch einmal 1984 in der Waldbühne, nahm die Situation ungewollt vorweg, die in einem Prozess vor dem Schöffengericht Charlottenburg und dem Landgericht Berlin kulminierte.

Zum ersten Mal in Amerika

Hauptkontrahent war der Berliner Journalist Rudolf Lebius, Herausgeber der Zeitschrift „Bund“, eines Organs der unternehmerfreundlichen „Gelben Gewerkschaften“. Ein „Vorwärts"-Redakteur hatte 1907 in einem Rechtsstreit mit Lebius Unterstützung bei Karl May gesucht, weil dieser damit doch Erfahrungen habe. Lebius erfuhr davon und veröffentlichte rasch eine Broschüre „Karl May – ein Verderber der deutschen Jugend“, Beginn einer verbissenen Wühl- und Sudelarbeit. Anschließend – May bereiste mit seiner zweiten Frau Klara zum ersten Mal Amerika – machte Lebius sich an dessen frühere Frau Emma Pollmer heran, fragte sie über die Scheidung aus und veröffentlichte im März 1909 neue Schauermärchen. Als die labile Frau sich hilfesuchend an eine Freundin wandte, schrieb der Journalist auch ihr: „Sehr geehrtes Fräulein! Da ich seinerzeit mit dem Schriftsteller Karl May, den ich für einen geborenen Verbrecher halte, sehr schlechte Erfahrungen gemacht hatte…“

„Geborener Verbrecher“ – das war zu viel. May, an den das Fräulein den Brief weitergeleitet hatte, erhob in Charlottenburg Privatklage wegen Beleidigung. Zwei Schriftsätze von Lebius mit neuen Schmähungen waren die Folge. So solle May mit einem Deserteur im Erzgebirge eine Räuberbande gegründet, Marktfrauen überfallen und Uhrenläden ausgeraubt haben. Am 12. April 1910 kam es zur Verhandlung vor dem Schöffengericht Charlottenburg in der Kantstraße 79. An sich ein klarer Fall, der aber für May im Desaster endete. Auf einen Rechtsbeistand hatte er verzichtet, Lebius kam mit dreien. Den Vorsitz führte Amtsgerichtsrat Wessel, betagt und dem Fall nicht gewachsen. Eine Flut von Verleumdungen brach erst wieder auf May nieder, die ihn verstummen ließ. Der Richter drängte zur Eile, sprach schon das Urteil, 15 Mark Strafe für Lebius, als Anwalt Paul Bredereck ihm ins Wort fiel: Er habe noch gar nicht plädiert. Hinterher hatte sich das Urteil gedreht: Freispruch. Dem Beklagten sei „Wahrung berechtigter Interessen“ zuzubilligen.

Für Karl May eine Katastrophe: Künftig durfte man ihn einen „geborenen Verbrecher“ nennen. Besonders konservative, klerikale und antisemitische Blätter kosteten das aus, mit Schlagzeilen wie „Karl May, der Räuberhauptmann“, „Ein literarischer Schinderhannes“ oder gar „Old Shatterhand skalpiert“. Für Mays Schaffen bedeutete die Niederlage das Zusammenbrechen seines letzten Romans „Winnetous Erben“. Seine Autobiografie „Mein Leben und Streben“, 1908 als „Beichte vor dem Herrgott“ begonnen, geriet ihm immer mehr zur Verteidigungsschrift gegen Lebius. Auch die Gesundheit hatte Schaden genommen, zu Weihnachten 1910 erkrankte er an Lungenentzündung.

Doch May gab nicht auf, wandte sich an den Publizisten Maximilian Harden, lernte so den Justizrat Erich Sello kennen, damals einer der bekanntesten Anwälte Berlins, der mit einem Dresdner Kollegen Mays Vertretung übernahm. Dessen letzte größere Arbeit , eine 147-seitige Eingabe, richtete sich an die 4. Strafkammer des Königlichen Landgerichts III in Berlin. Die Berufungsverhandlung fand am 18. Dezember 1911 in Moabit, Turmstraße 93, statt. Den Vorsitz hatte Landgerichtsdirektor Ehrecke inne, Lebius wurde wieder von Bredereck vertreten. In der Vernehmung wurden aufs Neue haarsträubende Lügen über May verbreitet. Später kam seine Schriftstellerei zur Sprache, das Posieren in Trappertracht, was doch die pathologische Lügenhaftigkeit illustriere, wie Bredereck geiferte. Das war dem Richter selbst als Meinungsäußerung zu viel: „Aber ein Verbrechen wären doch solche phantastischen Dinge bei einem Dichter nicht, und ich halte Herrn May für einen Dichter.“

Am Abend verkündete Ehrecke das Urteil: Lebius’ Brief habe der Adressatin drohen sollen, der strittige Relativsatz falle aus diesem Zweck heraus und sei beleidigend gemeint. Somit verurteile das Gericht den Journalisten Lebius zu 100 Mark Geldstrafe, ersatzweise 20 Tagen Gefängnis. Der Sieg ließ May noch einmal aufleben. Am 25. Februar 1912 feierte er seinen 70. Geburtstag, knapp einen Monat später traf auf Einladung des Akademischen Verbandes für Literatur und Musik zu einem Vortrag in Wien ein: „Empor ins Reich der Edelmenschen!“ 3000 Besucher umjubelten den Autor noch auf der Straße. Im nasskalten Wetter zog er sich eine Erkältung zu, fieberte. Am Abend des 30. März 1912 traf Karl May in der Villa Shatterhand ein Herzschlag, riss ihn aus seiner letzten paradiesischen Vision: „Sieg, großer Sieg! Rosen… Rosenrot…“

Hans-Jürgen Syberberg hat die Moabiter Verhandlung in seinem 1974 gedrehten Film „Karl May“ nachspielen lassen, mit Helmut Käutner in der Titelrolle. Doch schon im Gerichtssaal selbst wurde der Keim zu den ersten May-Verfilmungen gelegt. Auch Marie Luise Droop, Mays glühende Verehrerin, hatte zu den Beobachtern des Prozesses gehört und ihm mit Recherchen und Veröffentlichungen zu helfen versucht. „Karl Mays schöne Spionin“, hieß sie in der Presse. Sechs Monate nach dem Tod ihres Idols heiratete sie den Studienrat Adolf Droop, der ihre Leidenschaft für Winnetou und Old Shatterhand teilte. Über die Arbeit an Filmzeitschriften bekamen sie Kontakt zur Kinowirtschaft, und am 30. März 1920 war es so weit: die Gründung der Ustad-Film, Dr. Droop & Co., mit Sitz in der Friedrichstraße 233, nahe dem Belle-Alliance-Platz. Den Namen hatte man von einer Figur in Mays „Im Reich des Silbernen Löwen“, zu den 15 Kommanditisten gehörte der Leiter des Karl-May-Verlages in Radebeul. May galt auch das zentrale Anliegen der jungen Produktionsfirma: „Die Ustad-Film beabsichtigt, in jedem Geschäftsjahr fünf Karl-May-Filme zu drehen.“

Dracula und die Todeskarawane

Schon am 7. Oktober 1920 hatte „Auf den Trümmern des Paradieses“ in Dresden Premiere, die Berliner Uraufführung folgte am 5. November im Motivhaus in der Hardenbergstraße 6, dem heutigen Renaissance-Theater. Vorlage war das Kapitel „Der Überfall“ aus dem Roman „Von Bagdad nach Stambul“. Der schon am 18. November 1920 wieder in Dresden startende Film „Die Todeskarawane“ erzählte die Geschichte um Kara ben Nemsi (Carl de Vogt) und Hadschi Halef Omar ( Meinhart Maur) fort. Zu den Schauspielern gehörte Bela Lugosi als Scheich, der in Hollywood als Dracula Karriere machen sollte.

Auch der letzte May-Film der Ustad, „Die Teufelsanbeter“ (Premiere am 14. Januar 1921), spielte im Orient, alle drei Filme sind verschollen. Die Kritiken waren zwiespältig ausgefallen, beim Publikum war die Reise durch den Orient recht erfolgreich gewesen. Dennoch hatte sich die Ustad finanziell verhoben, im Frühjahr 1921 war sie pleite, das Projekt „Old Shatterhand“ kam nicht mehr zustande. Erst 1935 gab es mit „Durch die Wüste“ wieder einen Karl-May-Film, 1958 und 1959 folgten eine neue „Sklavenkarawane“ und „Der Löwe von Babylon“, beide wenig erfolgreich. Drei Jahre mussten Karl Mays Leser nun noch warten, dann wurde „Der Schatz im Silbersee“ endlich gehoben.

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