Ole von Beust nach Olympia-Entscheidung : „Liebes Berlin, nutze die Chance!“

Politik und Bürger müssen jetzt neu über die Zukunft Berlins diskutieren, sagt Ole von Beust. In einem Gastbeitrag erklärt Hamburgs Ex-Bürgermeister, warum es nicht reicht, nur Metropole zu sein - und fordert einen Diskurs "Berlin 2030".

Ole von Beust
Zweite Heimat Berlin. Ole von Beust ist oft in der Stadt, hier bei der Berlinale.
Zweite Heimat Berlin. Ole von Beust ist oft in der Stadt, hier bei der Berlinale.Foto: picture alliance / dpa

Wenn in meinem Leben früher etwas schief lief, sagte meine Mutter immer: „Wer weiß, wozu es gut ist, Mäusi.“ Und sie hatte meistens irgendwie recht, es gab immer neue Chancen und Erfolge, die oft besser waren als die vertanen.

So sollten sich die Olympiabefürworter von Berlin, bei aller Enttäuschung, nach dieser Weisheit richten. Allerdings klappt das nur, wenn man neue Chancen auch nutzen will. Also, liebe Berliner, kein Häme, kein kleinkarierter Wettbewerb mit Hamburg, keine Mauligkeit.

Die Entscheidung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) hat auch etwas Gutes: Berlin wird quasi gezwungen, über sich selbst nachzudenken, wo es steht, wo es hin will, Ziele zu definieren und dafür die Zustimmung in der Stadt zu finden. Hand aufs Herz: Eine andere Entscheidung des DOSB hätte Berlin gedopt, den klaren Blick getrübt, es hätte sich mit Olympia über Jahre betäubt.

Als begeisterter Norddeutscher ist Berlin meine zweite Heimat geworden. Eine großartige Stadt, voller faszinierender Brüche, Inspiration und „Leben-und-leben-lassen-Atmosphäre“, bei der ich allerdings nicht weiß, ob es grenzenlose Toleranz oder Desinteresse ist. Aber: Es gibt keinen Diskurs, wo die Stadt hin will, und wofür sie in zehn bis 15 Jahren stehen soll. Es dominiert eher der Stolz, die internationale deutsche Metropole zu sein, gemischt mit, um es höflich auszudrücken, sehr lokalem Denken.

Das Ringen um Ziele, die Suche das Vereinenden sehe ich nicht. Es wirkt vieles liebenswert zufällig und nicht strategisch. Das ist im Wettbewerb der internationalen Metropolen nicht ungefährlich. Was heute „in und hip“ ist, kann morgen veraltet sein. Die Karawane der Kreativen zieht manchmal schnell weiter. Der Immobilienboom basiert zu wenig auf der Nachfrage aus der Region.

Ziele erarbeiten, die Berlins engagierte Menschen verbinden

Berlin braucht, gerade jetzt, wo der Rauch der Olympiahoffnung verzogen ist, einen Diskurs über „Berlin 2030“. Vielleicht von Oben angestoßen, aber nicht als Befehl, sondern breit diskutiert mit dem Versuch, Ziele zu erarbeiten, die die Politik und die Verwaltung motivieren und binden, die Bevölkerung einbinden und die engagierten Menschen der Stadt verbinden. Gerade der Umstand, dass Berlin so festgezurrt ist in seinen gesellschaftlichen Bindungen, müsste eigentlich Kreativität und Engagement auslösen.

Aus der geschichtlichen Erfahrung drängt sich doch Berlin als europäisches Modell der Großstadt schlechthin auf. Die Stadt als Polis, wirtschaftlich stark, aber nicht rein dem Kommerz unterworfen, kulturell frei, trotz staatlicher Unterstützung, Gewerbe und Industrie mit Dienstleistung verbindend, vorsorglich sozial statt daueralimentierend und so weiter. Die europäische Stadt als Gegenentwurf zur US-amerikanischen oder asiatischen Stadt. Auch im Städtebau.

Also, liebes Berlin, nutze die Chance der enttäuschten Olympiahoffnung, das Potenzial hast Du!

Ole von Beust war von 2001 bis 2010 Erster Bürgermeister von Hamburg.

14 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben