Berlin : Olm macht Ernst

Bei den Gebrüdern Blattschuss besang er als Komiker die Kreuzberger Nächte. Am neuen Berlin hat er einiges auszusetzen – und bleibt der Stadt doch treu wie zuvor

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Treffen Sie eigentlich die anderen „Gebrüder Blattschuss“ noch?

Ja. einmal im Jahr machen wir eine Altherrenparty im „Schlot“ in Mitte und singen die alten Nummern.

Vor gut 25 Jahren haben sie mit Jürgen von der Lippe die Band gegründet…

Ja, 1976 sind wir zum ersten Mal aufgetreten. Da haben wir noch richtig sozialkritische Lieder gespielt. Und dann spielte uns eines Abends Beppo in der Pizzeria „Ali Baba“ in Charlottenburg ein Lied vor. Er grölte um halb zwei Uhr nachts: „Kreuzberger Nächte sind lang…“ Da hat uns der Kellner rausgeschmissen. Ein halbes Jahr später war das ein Millionenhit.

Und dann?

Von da an hatten wir ein anderes Publikum, die breite Schunkelbevölkerung. Da sprangen die Leute ab, die auch kritische Sachen hören wollten. Dann spielte Blattschuss trotzdem weiter sozialkritische Lieder, dann sprang auch das Schunkelpublikum wieder ab. Am Schluss blieb keiner mehr übrig. Ich bin aber schon nach der ersten Platte ausgestiegen und habe andere Sachen gemacht.

Sie begehen gerade Ihr 25jähriges Dienstjubiläum als Alleinunterhalter. Wie hat sich der Humor seitdem geändert?

Damals war Humor einer intellektuelleren Schicht vorbehalten. In mein Programm kamen Studenten, für die war das eine Art Fortbildung, sich neben ihren Seminaren Kabarett anzuhören. Es war damals politischer und gesellschaftskritischer. Inzwischen ist der Humor beliebig geworden. Es gibt kaum noch authentische politische Kabarettisten, es ist alles verkaspert geworden.

Wieso?

Heute kann jeder seine eigene CD brennen und mit etwas Glück ins Fernsehen kommen. Alles Kranke, was irgendwer für Humor hält, kann heute gesendet werden. Das Geblödel, das im Fernsehen abgefackelt wird, ist oft nur noch beliebiger Prollhumor…

Aber das ist doch genau das, was Sie auch kultivieren…

Nein! Das sind bei mir nur Appetizer, um an die Leute heranzukommen. Aber zwischen den Zeilen passieren Dinge, die sehr ernst sind und Grundtabus und wichtige Themen anrühren. Ich will den Leuten einen Spiegel vorhalten. Ich mache aber keinen Blödel- oder Prollhumor.

Ihre Witze kommen immer dann am besten an, wenn es um Sex, Schamhaare oder Scheißen geht…

Aber auch über solche Sachen kann man doch Witze machen, die nicht prollig sind. Alleine das Wort Schamhaaransatz zum Beispiel ist doch fantastisch. Es gibt kein anderes Wort, das in solcher Kürze fünf A’s enthält.

Aber die Leute lachen bei Ihnen doch nicht aus linguistischen Gründen…

Nein, aber es zeigt, dass da noch eine ungeheure Verklemmtheit besteht, dass man so aggressiv darüber lacht. Wir sind immer noch weit davon entfernt, eine freie Gesellschaft zu sein. Das will ich aufbrechen. Und wenn ich immer höre: Unter der Gürtellinie… Herrgott. Die Hälfte des Lebens spielt sich doch unter der Gürtellinie ab. ICH will die Leute anregen, damit freier umzugehen.

Hans Werner Olm als Vorkämpfer für eine freiere, glücklichere Welt?

Ja, auf jeden Fall.

Sie kamen Mitte der 70er nach Berlin…

Aus Bochum. Ich bin damals wegen der Bundeswehr hierher gekommen. Aber als ich ankam, gab’s gar keine Bundeswehr… Da war ich sehr enttäuscht und musste hierbleiben.

Finden Sie den Berliner eigentlich witzig, verglichen zum Beispiel mit dem Bochumer?

Naja, ich finde ihn amüsant, aus meiner menschenfreundlichen Sicht heraus. Aber witzig? Der Berliner an sich ist schon ein bisschen komisch. Man könnte auch sagen: provinziell. Aber das macht ja den Charme aus: Einerseits ein Schmelztiegel und Bundeshauptstadt zu sein, andererseits diese Icke-Typen zu haben.

Inspiriert die Stadt Sie künstlerisch?

Berlin bietet mehr Anschauungsmaterial als jede andere Stadt. Es gibt so viele Szenen, so viele Welten, die mich inspirieren. Die Stadt ist komprimiertes, reales Leben. Hier gibt es Figuren wie sonst nirgends. Alleine die legendären Taxifahrer zum Beispiel. Oder die eitle Szene zwischen Paris Bar und Mitte, die Schwulenszene, die Lesbenszene, die Heteroszene, es gibt ja nur noch Szenen. Die Partyszene zum Beispiel strahlt für mich etwas Aggressives aus, weil Spaß hier institutionalisiert wurde. Früher war es so: Wenn wir Spaß haben wollten, hatten wir einfach Spaß. Hier in Berlin muss man erst an die angesagten Orte gehen, um vorsätzlich Spaß zu haben, sei es die Paris Bar, die Szenetreffs in Mitte oder die Love Parade. Ist doch tragisch.

Wieweit sind Ihre Figuren dem echten Berliner Leben abgeguckt?

Die sind aus vielen Eindrücken zusammengefügt. Auf dem Weg zur Menschwerdung laufen einem viele interessante Figuren über den Weg. Deren Eigenheiten merke ich mir, wie sie reden, gestikulieren oder still sind…

Wer hat für die schrägen Kunstfiguren Modell gestanden, die Sie auf der Bühne verkörpern?

Ich habe zum Beispiel komische, schrullige Tanten. Das hat mich schon als Kind immer beeindruckt, wie die 30 Zigaretten rauchen und dabei ohne Punkt und Komma reden. Das hat zum Beispiel meine Figur Luise Koschinsky geprägt. Und dann der Iff, der feinsinnige Hallo-Du-Typ, den habe ich mal in der Folklore-Szene kennen gelernt. Der spielte Gitarre, hatte langes blondes Haar, kam aus Freiburg, und nach jedem Song fing er immer wieder an: Hallo, Leute, ich fände das echt dufte, wenn ihr mal ein bisschen leise sein würdet… Wenn man solche Dinge aufgreift, aus dem Kontext entfernt und auf die Bühne bringt, dann lachen sich die Leute natürlich tot darüber. Menschen sind komisch. Man muss sie nur aus ihrem Umfeld rausschälen, ihnen eine kleine Story und eine Verkleidung geben, dann funktioniert das. Daher auch mein Motto: Unsere Existenz ist der Beweis für den Humor des lieben Gottes.

Das Gespräch führte Lars von Törne

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