Berlin : Olympia in Berlin – aber ökologisch

Renate Künast unterstützt eine Bewerbung. Nach der Abgeordnetenhauswahl kann sie sich einen rot-rot-grünen Senat vorstellen

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Frau Künast, interessiert sich derzeit überhaupt jemand für Politik?

Natürlich. Menschen können doch mehrere Sachen gleichzeitig wahrnehmen. Ob das Fußballspiele sind oder der Murks, den diese Regierung auf Bundesebene anrichtet.

Für die Berliner Landespolitik scheint das Interesse erlahmt zu sein. Was heißt das für den Wahlkampf?

In Berlin ist offenbar noch nicht allen ganz klar, worum es in diesem Wahlkampf geht. Rechnerisch könnte die Stadt nämlich andere Optionen als Rot-Rot haben. Die Alternative heißt Rot-Grün. Mit diesem Konzept kann man vieles in Berlin anders und besser machen.

Was haben Sie denn für andere Konzepte in der Tasche, wenn Sie für Rot-Grün werben?

Der Senat ist glücklich, dass Franz Beckenbauer die Fußball-WM nach Deutschland und Berlin geholt hat. Doch wo bleibt der eigene Beitrag von der Berliner Politik, Hauptstadt zu sein und das Gesicht der Republik darzustellen?

Die Berliner haben deshalb auch wenig Interesse an der Politik, weil Wowereit in den Umfrage- und Sympathiewerten die Wahl ohnehin schon gewonnen hat.

Die Berliner Koalition ist uninspiriert. Es ist nett, wird viel gefeiert. Wowereit hat ein hohes Ansehen, aber es fehlt die Vision. Drei Beispiele: Warum macht man aus Berlin keine Modellstadt für Kinder? Gebt jedem Kind – egal welcher Herkunft – eine reelle Chance. Wir brauchen mehr Geld dafür. Also muss man sich überlegen, wo man umverteilen kann. Es gibt sicher auch Sponsoren, die Interesse daran hätten, solche Modelle zu finanzieren. Aber die muss man halt auch suchen. Beispiel Integration: In jedem Stadtteil müssen runde Tische mit Vertretern aus Schulen, Politik, Wirtschaft, mit Sozialarbeitern gebildet werden, um systematisch Integration zu fördern. Beispiel Energiepolitik: Berlin kann ebenso Modellstadt für regenerative Energien werden. Warum gibt es hier keine Fahrzeugflotten mit alternativen Antrieben?

Was halten Sie davon: Die Fanmeile soll künftig erhalten bleiben. Dann könnten dort auch viele muskelbetriebene Fahrzeuge unterwegs sein …

Die Fanmeile ist doch kein Angebot für die Zukunft. Das war ein singuläres Ereignis, das in der Tat den Ruf Berlins als gute Gastgeberin gefördert hat. Allerdings plädiere ich dafür, dass die Straße des 17. Juni zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule an zwei Wochenenden im Monat gesperrt wird, um sie als großen Begegnungsort für Veranstaltungen oder Skater freizugeben.

Soll Berlin sich nach dieser WM noch einmal für Olympia bewerben?

Ich unterstütze eine Olympiabewerbung von Berlin. Aber sie muss die Stadt weltweit als moderne ökologische Metropole präsentieren. Wir müssen anderen Großstädten zeigen: Wir haben die Lösungen. Eine Olympiade in Berlin kann solarbetriebene Stadien ebenso wie ein modernes Nahverkehrssystem mit einem Rund-um-die-Uhr-Angebot an sieben Tagen in der Woche und einer kompletten Busflotte aus Null-Emissions-Fahrzeugen zeigen.

Haben Sie sich über den WM-Erfolg für Berlin gefreut?

Ja, natürlich. Das Sicherheitskonzept ist aufgegangen. Vor allem die Polizei war gelassen, in dem Wissen, dass sie im Notfall hart durchgreifen muss. Die Beamten haben trotz Hitze noch so viel Humor bewiesen, sich über die Anweisung, keine Fahnen zu tragen, hinwegzusetzen: Stattdessen haben sie in ihre Wagen Zettel mit der Aufschrift Schwarz-Rot-Gold gehängt. Das war wunderbar kreativ.

Könnten die Grünen Schwarz-Grün mit Friedbert Pflüger schaffen?

Herr Pflüger steht nicht zur Debatte. Er läuft bei mir unter dem Motto: eine kurze Sommerreise, die schon beendet ist. Er hat die Stadt nicht verstanden. Schwarz-Grün ist keine Option für mich. Für das Amt des Regierenden Bürgermeisters gibt es keinen Konkurrenten. Aber es gibt eine Konkurrenz für die Regierungspolitik: Rot-Grün statt Rot-Rot.

Die Grünen sind vielen SPD-Politikern viel zu anstrengend. Wie wollen Sie die Sozialdemokraten überzeugen?

Wenn der Fraktionschef Michael Müller uns als zu anstrengend empfindet, ist das ehrenhaft für uns. Als Grüne hatte ich noch nie das Ziel, pflegeleicht oder unauffällig wie die Linkspartei zum Beispiel zu sein. Ich bin gerne anstrengend, weil auch so ein Reformprojekt für Berlin mit Anstrengung verbunden ist. Für neue Ideen braucht es Mut.

Und wenn es nicht für Rot-Grün reicht?

Eine Zweierkonstellation wäre das beste Modell. Reicht es dafür nicht, plädiere ich für Rot-Rot-Grün. In der Not müssen wir die PDS mitnehmen. Damit will ich auch einen rechnerischen Zwang für eine große Koalition verhindern.

Wie wollen Sie die grüne Basis für Rot-Rot-Grün überzeugen? Vor fünf Jahren gab es erheblichen Widerstand dagegen.

Wir werden darüber diskutieren müssen. Ich bin mir sicher, dass in Anbetracht der schlechteren Alternativen die Argumente dafür verstanden werden. Aber das erreichbare Ziel ist Rot-Grün.

Was kritisieren Sie bei der SPD?

Die SPD packt Themen nur halb an. Sie ist behäbig und wagt keinen Neuanfang. Die Landesregierung ist eine langweilige Politikverwaltung: Es reicht doch nicht aus, angesichts der Haushaltsprobleme auf eine Entscheidung aus Karlsruhe zu warten, sich dann teilentschulden zu lassen. Der SPD fehlen Inspiration und das geeignete Personal. Nehmen wir das Zukunftsthema Bildung. Die Eltern wollen wissen, wie unsere Schulen wieder den Anschluss an die Spitze schaffen sollen. Wir wissen, dass Schulsenator Böger geht, und die SPD hat keinen Ersatz. Auch in diesem Ressort würden wir zeigen: Grün bewegt Berlin nach vorn.

Das Gespräch führten Sabine Beikler und Gerd Nowakowski.

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