Berlin : Olympia-Pleite Berlin: Heute wäre es soweit gewesen

Olympische Spiele in Berlin - davon hatten Anfang der neunziger Jahre viele geträumt. Heute, am 22. Juli 2000, wäre die Eröffnungsfeier gewesen. Auf diesen Tag hatten viele hingearbeitet, ihre Namen kannte damals fast jeder. Was ist eigentlich aus ihnen geworden?

Volker Hassemer, der damalige Senator für Stadtentwicklung, war Feuer und Flamme für die Olympia-Bewerbung, auch als Berlin-Werbung. Olympische Spiele als Stadtentwicklung, eine geniale Idee, fand er. Doch die Stadtentwicklung nahm auch so ihren Lauf, Hassemer stieg vor vier Jahren aus der Politik aus, wurde Geschäftsführer der Marketinggesellschaft Partner für Berlin. "Ich glaube, es war gut, den Versuch der Olympia-Bewerbung zu wagen", sagt Hassemer heute. Das Problem aber sei gewesen, dass man die Berliner nicht habe mitreißen, für die Idee begeistern können. Als die Olympia-Entscheidung für Sydney gefallen sei, habe er sich dort aufgehalten und in der ganzen Stadt einen Jubelschrei gehört.

Wolfgang Nagel, damals Bausenator, hatte in Gedanken schon die Spiele vor Augen und vielleicht sogar insgeheim die Vision, zur ihrer Eröffnung der gefeierte Regierende Bürgermeister von Berlin zu sein. Berlin-untypisch schnell zog er Olympia-Bauprojekte für neue Sporthallen durch, und als deren Grundstein gelegt wurde, war schon klar, dass sie mit Olympischen Spielen nichts mehr zu tun haben würden. Ein Schnellschuss. 1996 verließ er entmutigt die Politik, stieg in die Baubranche ein. Er kümmerte sich als Bredero-Geschäftsführer eines Untenehmens der Fundus-Gruppe unter anderem um die Vermietung eines Blocks der Friedrichstadtpassagen. Wie Nagel die Olympia-Bewerbung heute beurteilt, bleibt offen. Er wollte sich nicht äußern.

Jürgen Klemann. Als Schul- und vor allem Sportsenator wäre er der Hausherr der Olympischen Spiele gewesen, und das natürlich gern. Logisch, dass der ehemalige Zehlendorfer Bezirksbürgermeister und Baustadtrat sein Herz für Olympia Berlin 2000 entdeckte und die neuen Hallen, die sein Kollege Nagel bauen ließ, für unabdingbar hielt. Klemann wurde nicht Hausherr, aber später Bausenator. Seit etlichen Monaten ist er im Vorstand der Wohnungsgesellschaft Gehag. Wie er die Olympia-Bewerbung heute beurteilt, bleibt vorerst sein Geheimnis. Eine Auskunft war nicht zu erhalten.

Wolfgang Maennig. Berlin werde satte Gewinne mit der Austragung der Olympischen Spiele machen, versprach 1992 Wolfgang Maennig in einem umstrittenen Finanzgutachten. Der Wirtschaftswissenschaftler und Olympiasieger von 1988 im Ruderachter ist noch immer davon überzeugt, dass die Spiele Berlin einen kräftigen wirtschaftlichen Schub gegeben hätten. Erst unlängst referierte er an der Uni Münster über "Olympische Spiele: Bilanz und Perspektiven im 21. Jahrhundert".

Als Präsident des Deutschen Ruderverbandes geht der Sport bei Wolfgang Maennig vor. Für seinen Lehrstuhl im Fach Volkswirtschaft an der Universität Hamburg bleibt da offenbar immer weniger Zeit. Studenten warfen ihm nicht nur vor, in seinen Seminaren vor allem durch Abwesenheit zu glänzen. Im ARD-Magazin "Monitor" beschuldigten ihn drei Studierende jetzt, willkürlich Noten für mündliche Prüfungen zu vergeben, ohne dass diese stattgefunden hätten. Wegen dieser Vorwürfe ermittelt derzeit die Universitätsleitung gegen ihn.

Jürgen Bostelmann war noch 1992 ausgesprochen zuversichtlich. "Ich bin mir sicher, dass der Gewinner Berlin heißen wird", schrieb der Vorsitzende des "Förderkreises Olympia Berlin e.V." selbstbewusst mit Blick auf die Olympia-Entscheidung. Rund 500 Mitglieder hatte der Förderverein zwischenzeitlich, den der FDP-Politiker führte. Jürgen Bostelmann, damals Vorstandschef der Berliner Grundkreditbank, leitet heute als geschäftsführender Gesellschafter den Bostelmann und Siebenhaar Verlag, der Berlin-Bücher sowie Kulturliteratur verlegt.

Hilmar Hoffmann war der Kulturbeauftragte der Olympia GmbH. Mit ihm sollte das unangenehme Thema Olympia 1936 auf eine solche intellektuelle Höhe gehievt werden, dass es von unten nicht mehr sichtbar wäre. Hoffmann aber griff das Thema breit auf, diskutierte, argumentierte, problematisierte. Seit Jahren schon ist er Chef des Goethe-Instituts und in dieser Funktion in aller Welt unterwegs.

Heiner Giersberg war der Sprecher der Olympia GmbH, manche sagten auch: der Lautsprecher. Überall sah er sich mit dämlichen und dümmlichen Fragen konfrontiert. Er hielt es nicht bis zum Ende in seinem Job aus, andere sagen: die Gesellschaft hielt es nicht mehr mit ihm aus. Giersberg ging dorthin zurück, wo er herkam: zum SFB. Dort trennte man sich von ihm, selbstverständlich in gegenseitigem Einvernehmen, weil Giersberg nebenbei die Firma Hochtief beraten hatte. Ebenfalls nebenbei war Giersberg Oberhaupt der Kämpfer gegen die Stammbahn durch Kleinmachnow.

Lutz Grüttke, der erste Sprecher der Olympia GmbH, ging zur Dekra und von dort zu einem Beratungsunternehmen. Zu welchen, weiß man bei der Dekra nicht - "und wir wollen es auch nicht wissen" , wie ein Sprecher versicherte.

Axel Nawrocki, Grüttkes Nachfolger, ging zur Bahn, doch auch hier flog er aus dem Gleis. Zuletzt war er für einen Posten bei Hertha BSC im Gespräch.

Von dem Traum, im Jahr 2000 Olympische Spiele in Berlin ausrichten zu können, ist, wenn man genau hinsieht, doch noch einiges geblieben. So spielt der Basketballmeister Alba Berlin in einer neuen Olympiahalle. Das Sechstagerennen findet in einer anderen neuen Olympiahalle statt. Und gleich nebenan steht noch eine neue Halle: dort wird geschwommen. Nur das Olympiastadion, wo heute ein beispielloses Spektakel gewesen wäre, wo sich Präsident und Kanzler und Regierender Bürgermeister über den letzten Fackelläufer gefreut hätten - das Olympiastadion ist immer noch das alte. Und es wurde auch etwas abgerissen, unter Schmerzen: das Stadion der Weltjugend, eine Institution des Ostens. Hier sollte ebenfalls eine der tollen neuen Hallen hin. Jetzt wird hier gegolft, zum Billigtarif. Ist doch auch was.

Michael Schirner rührte die Werbetrommel für Berlins Olympia-Bewerbung und erfand das gelbe Bärchen. Seine Düsseldorfer Werbe- und Projektagentur entwickelte das Marketing-Konzept für die Olympia-Bewerbung. "Das größte Problem war, dass die Berliner zu einem großen Teil gegen die Spiele waren. Für die Stadt war es einfach noch zu früh." Mehr Erfolg hatte Schirner während des Bundestagswahlkampfes 1998 mit seiner Kampagne für Bündnis 90 / Die Grünen. Für die Partei setzte er mit großen grünen "Ü"s auf Plakaten ein "Verkehrszeichen für den Regierungswechsel".

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