Olympisches Dorf : Die Platten kommen weg

Im Zweiten Weltkrieg diente als Lazerett der Wehrmacht: Das olympische Dorf von 1936 soll wieder in den Originalzustand gebracht werden – mit Abrissbaggern.

Andreas Wilhelm
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Im olympischen Dorf sind noch die Wandmalereien aus den Zeiten zu sehen, als die Rote Armee hier residierte. -Foto: Wilhelm

Elstal - Wenn die sowjetischen Truppen etwas gründlicher gewesen wären, dann gäbe es heute womöglich weniger Arbeit. Denn auf dem ehemaligen Stützpunkt in Elstal am westlichen Stadtrand von Berlin, der eigentlich als olympisches Dorf von 1936 in die Geschichte eingegangen ist, ist nach dem Fall der Mauer vieles zu Bruch gegangen. Fensterscheiben, Türen, Dachrinnen. Vieles davon hätten die Soldaten getan, sagt Wladimir Siverin. Er hat als Soldat das Ende der Besetzung miterlebt. „Sie sind frustriert gewesen, in die Heimat und damit ins Ungewisse abgeschoben zu werden“, sagt Siverin. „Dann kam ein bisschen Wodka dazu und schon gab’s Randale.“ Die Plattenbauten haben sie freilich nicht kaputt gemacht. Die stehen jetzt im Weg.

Die DKB-Stiftung, die das Gelände Ende 2005 erworben hat, macht sich jetzt daran, die Klötze aus der Landschaft zu nehmen. Ein einarmiger Bagger pflückt die Vierstöcker nun Platte für Platte auseinander, und macht den Blick wieder frei für die malerische Landschaft und die von Werner March entworfene Architektur der 30er Jahre. Noch bis Ende April soll der Abriss dauern. Zu diesem Spektakel sind auch Besucher willkommen.

Die geschichtsträchtige Siedlung soll nach dem Konzept der Stiftung ihren musealen Charakter bewahren. Außer vereinzelten Sport-Events und Konzerten sei keine weitere Nutzung geplant. „In erster Linie geht es uns um die Erhaltung der Substanz“, betont Jens Becker, Mitarbeiter der DKB-Stiftung. „Und um die Wiederherstellung der alten Sichtachsen.“ Becker teilt waagerecht mit seinem Arm die Luft. „Dort drüben sickert der See wieder nach oben“, schwärmt er. „Weil das Grundwasser nicht mehr abgepumpt wird.“ Eine Vierteldrehung rechterhand ist das Hindenburghaus – leider nicht sichtbar. Zwei weitere Plattenbauten versperren die Sicht, sollen aber auch bald dran glauben. „An die haben wir uns noch nicht rangetraut“, sagt Beckers Kollege Christian Kischel, der als Verwalter zuständig ist. Die Wände der in den 70er Jahren aufgestellten Bauten seien mit Kamelit gestopft, einem Baustoff aus DDR-Zeiten, der als krebserregend gelte. „Deswegen können wir auch nicht sprengen“, meint Kischel. „Da müssen Leute mit Schutzanzügen und Atemmaske rein und den Dämmstoff von den Wänden kratzen.“

Noch immer verdirbt ein gutes Dutzend Plattenbauten das Gesamtbild des olympischen Dorfes. Das einstöckige, verglaste „Russische Café“ liegt hingegen schon in seine Einzelteile zerlegt auf drei Recyclinghaufen. Das Geld sei knapp bemessen, sagt Becker. Diese Aussage wird vom erbärmlichen Zustand der alten Schwimmhalle bestätigt. Wo früher die Sportler um Bestzeiten wetteiferten, bestreitet heute die DKB-Stiftung einen Wettlauf mit der Zeit. 1993 stand die Halle in Flammen. Wahrscheinlich hatten Kinder den Brand gelegt, die Ermittlungen seien irgendwann eingestellt worden, sagt Becker. Der Regen hat an zahllosen Stellen den Dachstuhl faulen lassen. Die Wellasbestplatten, die der Wind bis jetzt oben gelassen hat, sollen demnächst entfernt werden, sagt Becker.

Das Speisehaus der Nationen gilt als Prachtbau der Anlage: In dem ellipsenförmigen Gebäude, das von oben wie ein Auge aussieht, hatte zu Olympiazeiten jede Nation ihren eigenen Speiseraum. Von der Bastion aus, einem kreisförmigen Rondell mit der Saftbar und Schilfdach, ist fast die komplette Anlage einsehbar. In den Sportlerunterkünften ist das Zimmer von Sprintlegende Jesse Owens, der 1936 vier Goldmedaillen holte, originalgetreu hergerichtet. Und im Hindenburghaus konnten die Sportler die ersten Fernsehübertragungen der Spiele im Berliner Olympiastadion verfolgen. Später tanzten hier sowjetische Soldaten nach Balalaika-Klängen. Noch heute sind dort abblätternde Wandgemälde zu sehen, die von den Ruhmestaten während des Großen Vaterländischen Krieges erzählen.

Öffnungszeiten: Bis Ende Oktober kann das olympische Dorf besichtigt werden. Öffnungszeiten 10 bis 16 Uhr. Führungen finden um 11, am Wochenende auch um 14 Uhr statt, Anmeldung unter Tel.: 03309 47 10. Anfahrt über die B 5 oder mit dem Regionalexpress RE 4.

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