Berlin : „One Way Ticket für alle Kriegstreiber“

40 000 Demonstranten zogen vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor

David Ensikat

40 000 waren es gestern, so viele hat die Polizei gezählt. Während im Irak weiter die Bomben fielen und die BBC die Einnahme Basras meldete, trugen sie ihre Transparente gegen den Krieg vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor, riefen, dass Bush und Blair Kriegsverbrecher seien und trommelten, und über allen schien die Sonne des deutschen Friedens.

Früher hießen sie Diskussionskommandos, da hatten sie aber noch keine Basecaps auf den Köpfen. Jetzt nennen sich die Polizisten, die zu den Demonstrationen ohne Schlagstock kommen: Anti Konflikt Team. Das muss was mit der Amerikanisierung zu tun haben. Heute aber dürfen auch sie gestehen, dass sie Amerikas Politik falsch finden. Das dient schließlich der Deeskalation.

Ins Megaphon auf dem Alexanderplatz ruft einer: „Ich will ein One Way Ticket für alle Kriegstreiber mit ihrem Kriegskrempel! Die sollen auf einer Rakete in den Himmel fliegen – äh, in die Hölle.“ Dann gibt er das Gerät weiter, und ein Mädchen wispert hinein: „Also vor der amerikanischen Botschaft, da ist ja das Friedenscamp ,Liebe für die Welt‘. Und, also, ich fänd’s irgendwie total toll, wenn ein paar Leute mit Gitarre dahin kommen würden. Da kann man dann gegen den Krieg singen. Make love not war und so.“

Für Felicitas Krüger ist’s die dritte Anti- Kriegs-Demo dieser Woche. Am ersten Kriegstag waren drei Viertel ihrer Mitschüler vom Steglitzer Gymnasium dabei, am Freitag nur noch fünf oder sechs. „Das werden wieder mehr“ – da ist sie sicher.

Bei Saturn haben sie heute Glück. Es sind nicht so viele Demonstranten auf dem Alexanderplatz wie am letzten Donnerstag. Da kamen kaum noch Leute ins Geschäft, weil zu viele davor standen. Heute ist der Laden auch während der Demo davor voll.

Vorm Café Einstein sind alle Tische besetzt, die Leute halten die Gesichter in die Sonne, da kommt der Demonstrationszug an. Auf einmal ist es ganz voll und auch sehr laut: „Leute, lasst das Glotzen sein – reiht euch in die Demo ein!“ Das Kaffeeschlürfen wird zur Tortur. Die Kellnerin wird herangerufen und kassiert ab, muss den Preis aber auf der Rechnung zeigen, da sie nicht zu verstehen ist. Zu laut sind die Pfiffe. Gleich neben dem Café Einstein ist die Absperrung der amerikanischen Botschaft.

Ein Bettler hockt auf einer Edeka-Tüte neben dem Café. Er findet so eine Demonstration eigentlich ganz richtig – „Bush gehört ja auch nach Den Haag, wennde mich fragst. Vors Gericht gehört der“. Aber da Demonstrationen in Gewalt enden können, mache er dabei generell nicht mit, sagt er und steht auf. Hier spendet ihm jetzt keiner was.

Im Friedenscamp „Liebe für die Welt“ wird Bemalung angeboten – die schnelle Variante: Peace-Zeichen auf die Wange, die aufwändige: dicke Irokesenstriche ins ganze Gesicht. Ein Mädchen löst sich vom Trommelkreis, wendet sich einer älteren Dame zu: „Mutti, kannst du uns noch bisschen Kuchen bringen?“ „Nee, woher denn“, sagt die, „Tabak hätt’ ich noch und ’ne Wasserpfeife.“

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