OP-Skandal : Patientin: Kein Tag ohne Schmerzen

Gabriele Schön wartet auf ein neues Kniegelenk. Ihr wurde im Berliner St.-Hedwig-Krankenhaus ein fehlerhaftes Implantat eingesetzt.

Matthias Jekosch

Die Schmerzen sind so extrem, dass Gabriele Schön derzeit kaum aus dem Bett herauskommt. Nur Morphium erlaubt ihr, wenige Stunden im Rollstuhl zu sitzen. Eine Operation am kommenden Dienstag soll ihr helfen, doch die 53-Jährige musste schon zu viele schlechte Erfahrungen machen. „Ich habe Angst“, sagt sie. Ihr rechtes Bein verlor sie im Frühjahr. Im linken Bein wurde ihr zuvor ein falsches Kniegelenk eingesetzt, das in der kommenden Woche ausgetauscht werden soll.

Die Marzahnerin ist eine von insgesamt 47 Patienten, denen im St.-Hedwig-Krankenhaus in Mitte ein ungeeignetes Kniegelenk eingesetzt wurde. Im vergangenen Dezember ließ sie sich am linken Knie operieren, im März sollte das rechte folgen. Doch schon nach der ersten Operation klagte sie über Schmerzen – in beiden Beinen. „Ich habe es nicht mehr ausgehalten“, erinnert sie sich. Bei der Hausfrau war eine Arterie in der rechten Kniekehle verstopft. Sie hatte eine Lungenembolie, im März wurde das Bein amputiert. Anschließend klagte sie über Schmerzen im linken Bein, doch auch die wurden nach ihrer Darstellung nicht ernst genommen, bis im Juni der Anruf aus der Klinik kam. Die Schmerzen müssten vom fehlerhaften Kniegelenk stammen.

„Mich stört, dass ich ein halbes Jahr als Simulant behandelt wurde“, meint Gabriele Schön traurig. Gegen den Arzt hege sie keinen Groll. Er könne ja nichts dafür, wenn die Gelenke falsch eingeordnet wurden. „Ich kenne ihn als sehr gewissenhaft“, beteuert sie. Deswegen wird er am kommenden Dienstag wahrscheinlich das Kniegelenk austauschen, auch wenn der Chefarzt ihr einen anderen Orthopäden angeboten hat.

Verantwortlich für die 47 falsch implantierten Gelenke sind laut ihrer Anwältin Ruth Schultze-Zeu sowohl der Hersteller als auch die Klinik. Die Firma Smith & Nephew hatte die Verpackungen nicht in deutscher Sprache beschriftet – was nach dem Medizinproduktgesetz eigentlich vorgeschrieben ist. Die Klinik habe durch die eigene falsche Übersetzung und Implantation der falschen Prothese ihre Sorgfaltspflicht verletzt. Die Anwältin vertritt in der gleichen Angelegenheit auch einen zweiten Mandanten in außergerichtlichen Verhandlungen mit der Klinik. Der Fall von Gabriele Schön geht aber darüber hinaus und kann auch für die Klinik weitere Konsequenzen nach sich ziehen. Sie klagt über Schmerzen an der Kniescheibe und Taubheitsgefühle im Fuß. Ein Gutachten soll die näheren Ursachen klären. Auch die genauen Gründe, die zur Amputation führten, sollen untersucht werden. Sollte es sich um Folgeschäden aus der Operation handeln, kann sich das Krankenhaus auf eine hohe Schmerzensgeldklage gefasst machen. „In solchen Fällen sind 30 000 bis 50 000 Euro mindestens üblich“, kündigte ihre Anwältin an.

Das Geld aber macht die Schmerzen auch nicht erträglicher. Aber es kann Gabriele Schön helfen, sich auf ihre neue Situation einzustellen. Die Türen in ihrem Einfamilienhaus müssen für den Rollstuhl erweitert werden, und sie braucht Geld für einen Treppenlift. „Ich komme sonst nicht mal mehr hoch in mein Schlafzimmer oder in den Keller zur Bibliothek“, klagt sie. Matthias Jekosch

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