OP-Skandale : Kliniken sollen Kassen besser informieren

Nach den Skandalen um fehlerhafte Hüft- und Knieprothesen fordert der Senat Auskunft vom St.-Hedwig-Krankenhaus. Der Klinik werde demnächst ein Fragenkatalog übergeben.

Hannes Heine

Mit Blick auf die fehlerhaften Hüftprothesen im St.-Hedwig-Krankenhaus werden Forderungen nach einer besseren Zusammenarbeit zwischen Krankenkassen und Kliniken laut. Nach Auskunft des Rechtsanwaltes Jörg Heynemann, der betroffene Patienten vertritt, könnten die Krankenkassen oft nicht sagen, welcher ihrer Versicherten ein bestimmtes Hüftimplantat bekommen habe. Die Versicherungen hätten darüber hinaus Schwierigkeiten, von den Kliniken zu erfahren, wann bestimmte Produkte verwendet worden seien. „Die Krankenhäuser sollten Firmen und Typen der verwendeten Prothesen automatisch offen legen müssen“, fordert der Experte. Diesen Vorschlag könne man schneller verwirklichen, als das von Politikern geforderte Prothesenregister. Heute will die Gesundheitsverwaltung und der Präsident der Ärztekammer über ein solches Register diskutieren.

Die meisten Versicherungen schließen mit Kliniken so genannte „Integrative Versorgungsverträge“ ab. Darin werden Leitlinien für die Behandlungen festgelegt – jedoch kaum Angaben über verwendete Prothesen gemacht. Bundesweit gibt es mehr als 4000 solcher Vereinbarungen. Meist wird darin eine Gewährleistungsfrist von bis zu zehn Jahren vereinbart: Die Klinik verpflichtet sich, innerhalb dieser Zeit alle eventuell nötigen Folgeeingriffe auf eigene Kosten durchzuführen. Eine Hüftoperation kostet bis zu 8000 Euro.

Der Versorgungsvertrag für Knie- und Hüftgelenke der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) mit dem St.-Hedwig-Krankenhaus steht nach Auskunft eines Sprechers „unmittelbar vor der Aufhebung“. Versorgungsverträge mit AOK sehen eine Mindestzahl von Operationen vor, der behandelnde Arzt muss 50 Eingriffe im Jahr vorgenommen haben.

„Das ist viel zu wenig“, sagen Medizinrechtler. Sie fordern, die Mindestzahl der Operationen zu erhöhen, nur dann hätten die Chirurgen ausreichend Erfahrung. So verlange die Barmer Ersatzkasse von den Ärzten in ihren Vertragskliniken jährlich bis zu 150 Operationen. „Unsere Patienten bekommen außerdem einen Prothesenpass, in dem Material und Modell des Implantats vermerkt sind“, sagt Barmer-Sprecherin Viola Matzke.

Der Verband der Angestellten-Krankenkassen (VdAK) hält nun in Hinblick auf die Transparenz der Behandlung eine Benachrichtigung über verwendete Produkte für sinnvoll. Wenn sich die Kliniken dazu verpflichteten, die verwendeten Modelle den Kassen zu melden, sei dies möglicherweise eine Verbesserung der bestehenden Kooperationen mit den Kliniken. „Dies könnte helfen, die Verwendung fehlerhafter Produkte rechtzeitig einzudämmen“, sagt eine Sprecherin.

Anwälte von Patienten weisen daraufhin, dass die fraglichen Hüftgelenke von Falcon Medical im Januar 2005 durch die Firma zurückgerufen worden sind. Das St. Hedwig Krankenhaus habe die Betroffenen aber erst 2007 informiert. „Hätten die Krankenkassen eher Bescheid gewusst, welche Implantate genau verwendet worden sind, hätte vermutlich schneller reagiert werden können“, glaubt Thomas Heil, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Integrierte Versorgung. Das Prinzip der Versorgungsverträge sei jedoch grundsätzlich erfolgreich, heißt es auch von Krankenkassen. Der Heilungsprozess verlaufe so „nahtloser“.

Die Leitung des St.-Hedwig-Krankenhauses muss wegen des Prothesenskandals erneut Auskunft geben: Die von Gesundheitsstaatssekretär Benjamin Hoff (Linke) eingesetzte Arbeitsgruppe werde der Klinik demnächst einen Fragenkatalog übergeben. Im September soll ein Abschlussbericht vorliegen.

Hauptursache für die falschen Implantationen von Kniegelenken sowie der Einsatz fehlerhafter Hüftprothesen sind aus Sicht des Krankenhauses die unzureichenden Vorkehrungen der Hersteller. Die Kniegelenke seien mangelhaft beschriftet gewesen, bei den Hüftprothesen habe der Hersteller erst sehr spät ein aussagekräftiges Gutachten über Materialfehler vorgelegt. Jedes Jahr werden in Berlin knapp 5000 Hüftprothesen und 3700 Kniegelenke eingesetzt. Etwa 500 Berliner Patienten beschweren sich schätzungsweise jährlich über vermeintliche Behandlungsfehler. Hannes Heine

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