Berlin : Operation am offenen Geldbeutel

Über dem Streit um den neuen Verwaltungsdirektor droht die Behring-Klinik in Zehlendorf Pleite zu gehen

Ingo Bach

Die Zentralklinik Emil von Behring in Zehlendorf droht zum Spielball politischer Interessen zu werden. 1400 Arbeitsplätze sind gefährdet, weil die wirtschaftliche Lage des Hauses schnelle Entscheidungen nötig macht, die Entscheidungsträger sich aber langwierige Debatten um das richtige Parteibuch leisten. Hintergrund ist nach Tagesspiegel-Informationen das Hickhack um den neuen Verwaltungsdirektor Werner Ukas, der am 1. Juli sein Amt übernehmen soll. Je nach politischer Ausrichtung nennt man den 55-jährigen SPD-Mann, der zuletzt das städtische Krankenhaus in Osnabrück leitete, „unfähig“ (CDU) oder „bestens geeignet“ (SPD). Seine Wahl im Kuratorium der Stiftung Oskar-Helene-Heim, die die Zentralklinik trägt, war denkbar knapp – erst die Stimme des Gesundheitsstaatssekretärs und Kuratoriumsvorsitzenden Hermann SchulteSasse (parteilos) entschied die Wahl für Ukas und gegen den der FDP nahe stehenden Mitbewerber. Die Pro-Stimmen kamen von den SPD-Mitgliedern im Kuratorium, die Gegenstimmen von CDU und Grünen.

Die Zentralklinik ist das einzige Berliner Krankenhaus, in dem noch so etwas wie politische Fraktionen das Sagen haben. Denn die Zustimmung zur Fusion des ehemals städtischen Klinikums Zehlendorf und der Stiftung Oskar-Helene-Heim im Jahre 2000 war nur zu erreichen, indem man den Lokalpolitikern des Bezirks die Chance zum Mitmischen einräumte. Ein Geburtsfehler, sagen heute viele. Denn dadurch blockiere sich das Kuratorium selbst.

Dabei braucht das Klinikum dringend ruhiges Fahrwasser, denn die wirtschaftliche Lage ist angespannt. Nach jahrelangem Missmanagement unter dem 2002 gefeuerten Verwaltungschef Rainer Luhmann, der allein im vergangenen Jahr vier Millionen Euro Verluste einfuhr, hat nun das Land Berlin der Klinik einen weiteren schweren Schlag versetzt. Es schob den Neubau für die längst eingeplante Verlegung der Lungenklinik Heckeshorn an das Haupthaus auf die lange Bank. Allein diese Verteilung auf zwei Standorte verursacht jedes Jahr einen einstelligen Millionenbetrag an Mehrkosten.

Das Hospital benötigt dringend eine Erhöhung der Kreditlinie – eine Art Dispokredit –, um liquide zu bleiben. Um 6,5 Millionen Euro darf das Klinikum sein Konto überziehen, schon jetzt sind davon 5,5 Millionen verbraucht. Negative Schlagzeilen aber könnten die Banken nervös machen. Wenn sie die Kredite nicht aufstocken, vielleicht sogar die bereits gewährten zurückfordern, wäre das Unternehmen in wenigen Wochen pleite.

Der neue Verwaltungschef ist in der Tat angreifbar. Dreimal ist Ukas in den letzten Monaten über politische Mehrheiten gestolpert. Zunächst in Osnabrück, dessen städtische Klinik er knapp vier Jahre lang als Geschäftsführer leitete. Nach den Kommunalwahlen 2001 änderten sich dort die politischen Mehrheiten: ein direkt gewählter SPD-Oberbürgermeister musste nun mit einer CDU/FDP-Mehrheit im Stadtparlament regieren. Auch im Aufsichtsrat der Klinik gaben nun Christdemokraten den Ton an – und schassten im Mai 2002 den SPD-Mann Ukas. Sie beriefen sich auf ein (von ihnen selbst in Auftrag gegebenes) Gutachten. Die Wirtschaftsprüfer registrierten „Besorgnis erregende Verluste“ und eine lückenhafte Buchführung. Andererseits lobten sie die Ukas’ Bemühungen, den übernommenen Verwaltungsdschungel zu lichten und sprachen ihn von der Verantwortung für einige Finanzaffären frei.

Ukas sei der Mann für strategische Planungen, weniger für den Verwaltungsalltag. sagt zum Beispiel der Osnabrücker Oberbürgermeister Hans-Jürgen Fip (SPD). „Wenn ihm ein Verwaltungsdirektor zur Seite gestellt wird, ist er eine gute Wahl.“ Dagegen wirft ihm der neue Aufsichtsratschef im Osnabrücker Klinikum Rainer Tenfelde (CDU) eine „irrsinnige Misswirtschaft“ vor. Ukas habe binnen dreieinhalb Jahren die Zahlungsunfähigkeit des Krankenhauses verursacht. „Wir prozessieren gegen ihn auf Schadenersatz“.

Diese Affäre holt ihn immer wieder ein. Nach Osnabrück bemühte sich Ukas um den Klinikchef-Posten in Dortmund. Auf Druck der dortigen CDU – die „Hinweise aus Osnabrück“ erhalten hatte – zog er sich wieder zurück, obwohl er für die in Dortmund regierende SPD erste Wahl war. Ähnlich erging es ihm in Emden. Und nun der Streit in Berlin. „Diesmal gebe ich nicht auf“, sagt Ukas. „Ich bin das Opfer einer politischen Kampagne.“ Bei allen Chefärzten der Behring-Klinik tauchten Mappen mit Osnabrücker Zeitungsausschnitten auf, die Ukas hart kritisierten. „Wollen wir warten, bis er hier die gleichen Fehler macht?“, fragt der Zehlendorfer CDU-Abgeordnete Michael Braun. Am heutigen Montag ist der Streit noch einmal Thema im Kuratorium.

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