Berlin : Operation freies Brachland

1996 wurden die letzten zu West-Berliner Zeiten besetzten Häuser geräumt. Bedingung war damals, dass dort gebaut wird. Doch das ist bis heute nicht geschehen

Benjamin Hammer

Hinter zwei Meter hohen Bauzäunen wuchern Sträucher zu einem dichten Pflanzenmeer. „Fino Baustellenabsicherung“ steht auf den Zäunen, doch gebaut wurde hier schon lange nichts mehr.

Am 8. August 1996 räumten mehrere Hundertschaften der Polizei die Häuser an Marchstraße und Einsteinufer in Charlottenburg, und 70 Besetzer landeten auf der Straße. Der Investor, dem das Grundstück gehörte, wollte angeblich so bald wie möglich bauen. Doch seit dem Abriss ist nichts passiert.

1989 wurden die Häuser zwischen der Technischen Universität (TU) und der Universität der Künste (UdK) besetzt. Es folgte ein langer Kampf mit Räumungsklagen des Investors, Polizeirazzien und Versuchen der Politik um eine einvernehmliche Lösung. 1996 wurden die Häuser geräumt und 2001 abgerissen. Seitdem überwuchert Gras und Strauchwerk das Grundstück. „Hier könnten heute noch Leute leben“, sagt Bernd Steinhoff. Von 1989 bis 1991 wohnte er in den besetzten Häusern. Damals studierte er Architektur an der TU und forderte gemeinsam mit seinen Professoren ein Studentenwohnheim mit zusätzlichem Raum für die Besetzer.

Eigentlich hätte die so genannte Berliner Linie die Besetzer vor der Räumung bewahren sollen. Nach dem Anfang der achtziger Jahre vom Berliner Senat verfolgten Konzept durften besetze Häuser nur dann geräumt werden, wenn umgehend mit Abriss- oder Sanierungsarbeiten begonnen wird. Obwohl der Grundstückseigentümer keine Abrissgenehmigung hatte, ordnete der damalige Innensenator Jörg Schönbohm (CDU) die Räumung an.

Das Grundstück gehörte der „Henning, von Harlessen GmbH“. Warum aber ließ der Investor räumen, obwohl er gar nicht bauen wollte? „Die wollten die Legalisierung der besetzten Häuser verhindern“, sagt Claudio Struck, der sich mit den Grünen um die Besetzer kümmerte. Die damalige rot-grüne Koalition in Charlottenburg plante, den Besetzern einen legalen Status zu geben. Ein weiterer Grund für die Räumung: Ein besetztes Grundstück lässt sich schlecht vermarkten.

Die Henning von Harlessen GmbH ging 2001 Pleite. Neuer Eigentümer des Grundstücks ist die Nippon Development Cooperation. Deren Geschäftsführer Peter Sauter will private Forschungseinrichtungen bauen, besonders für die Autoindustrie. Doch nur für weniger als die Hälfte der Fläche gibt es auch Interessenten. Zu wenig für Sauter, der erst ab 50 Prozent Auslastung bauen will. Geplant ist ein sechsstöckiges Gebäude mit Baukosten von rund 30 Millionen Euro.

Viel Gras ist über die Sache gewachsen, und so wirklich interessiert das Thema keinen. In der Bezirksverordnetenversammlung spricht man schon lange nicht mehr über Grundstück. Sogar die grünen Bezirksverordneten in Charlottenburg-Wilmersdorf wissen kaum Bescheid. Die TU würde sich „freuen, wenn sich hier Forschungseinrichtungen ansiedeln“, so eine Sprecherin. Wirkliche Leidenschaft für das Grundstück in Toplage klingt anders. Und die UdK ist nach gescheiterten Verhandlungen mit dem Investor „nicht mehr interessiert“.

Was passiert, wenn der Investor nicht baut? Eine Übernahme des Grundstücks schließen Bezirk und Universitäten aus. Für so etwas gebe es im Moment einfach kein Geld, so ein Stadtplaner des Bezirks. Sauter hofft auf einen Baubeginn „spätestens im nächsten Jahr“. Ob das klappt, scheint fraglich.

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