Berlin : Operation misslungen – Patient klagt

Immer mehr Berliner fühlen sich schlecht behandelt und beschweren sich bei Krankenkasse und Ärztekammer

Ingo Bach

Chirurgen, die ein Instrument im Körper eines Operierten vergessen, Notärzte, die einen Herzinfarkt nicht schnell genug behandeln oder Hausärzte, die ihre Patienten am Fließband abfertigen – die Beschwerden über mangelnde Kunstfertigkeit von Berliner Medizinern nehmen zu. Die AOK Berlin, die seit knapp drei Jahren eine spezielle Beratungsstelle für Versicherte betreibt, die sich falsch oder schlecht behandelt fühlen, registrierte nach Tagesspiegel-Informationen seit August vergangenen Jahres 1212 neue Beschwerden. Bis zum Ende des Berichtszeitraums im kommenden Monat wird die 1300er Grenze wohl überschritten. Im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren das nur 732. Eine Steigerung um 44 Prozent.

Diesen Trend bestätigt auch die Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen in Hannover. Diese Instanz, in der sich Arzt und Patient bei Behandlungsfehlern außergerichtlich einigen sollen, wird von neun norddeutschen Ärztekammern getragen. Laut dem jetzt von der Berliner Ärztekammer vorgelegten Tätigkeitsbericht für 2002 gingen bei der Schlichtungsstelle im vergangenen Jahr 588 neue Fälle von möglichen Kunstfehlern aus Berlin ein, 2001 waren das nur 523 – elf Prozent mehr. Diese Zahl werde 2003 weiter wachsen, sagen Insider.

Hauptursache dafür sei ein Mentalitätswechsel, sagt Martina Jaklin von der Berliner Ärztekammer. „Die Patienten sehen in ihrem Doktor zunehmend einen reinen Dienstleister.“ Das heißt, sie akzeptieren nicht mehr widerspruchslos jede Entscheidung über ihren Körper. Die immer umfassender werdende Gesundheitsaufklärung in den Medien führe dazu, dass die Kranken besser informiert sind. Darüber hinaus wirke auf die Ärzte ein immer größer werdender ökonomischer Druck. Sie müssen mehr Patienten durch ihre Praxen schleusen, mit schrumpfenden Budgets und wachsender Bürokratie fertig werden – das könne dazu führen, dass mancher Mediziner Fehler macht.

Wenn sich der Verdacht bestätige, verhänge die Ärztekammer berufsrechtliche Sanktionen, sagt Jaklin. Bei minderschweren Fällen zum Beispiel eine Rüge, die mit einer Geldstrafe von maximal 5000 Euro verbunden sein kann. Bei schweren Fällen, beispielsweise wenn der Patient infolge des Behandlungsfehlers stirbt, leitet die Kammer ein Verfahren beim Berufsgericht ein. Dieses kann die Approbation, also die Zulassung als Arzt, zeitweise oder für immer entziehen.

Der Patient, der Opfer eines Ärztepfuschs wurde, muss seine Ansprüche auf Schadenersatz und Schmerzensgeld bei der Schlichtungsstelle oder vor einem ordentlichen Gericht durchsetzen. Ein schwieriger und langer Weg. Von den rund 650 Fällen, die die AOK von 2000 bis 2002 zu den Akten legte, haben nach Angaben des AOK-Sprechers Christian Jacob nur 17 Patienten ihre Ansprüche durchsetzen können. Viele Verfahren sind aber noch in der Schwebe. Etwas günstiger ist die Quote bei der Schlichtungsstelle. Von den 526 im Jahr 2002 abgeschlossenen Berliner Fällen wurden 83 als Kunstfehler anerkannt. Das heißt aber nicht, dass alle anderen unberechtigt wären. Manchmal widerspricht einer der Beteiligten der Schlichtung. Viele Patienten ziehen ihren Antrag zurück, weil ihnen das Verfahren zu lange dauert.

Das AOK-Serviceteam „Behandlungsfehler“ ist unter Telefon 2531-2828 erreichbar .

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