Berlin : Operndämmerung

Lothar Heinke

"Ach, bitte, wird denn überhaupt noch gespielt? Liest man da nicht die schlimmsten Dinge über den Zustand dieses schönen Hauses? Und wie soll es denn nun weitergehen?" Der besorgte Opernfreund, der sich gestern vor dem Vormittags-Tornado in die Kassenhalle der Deutschen Staatsoper geflüchtet hat, ringt dem Verkaufspersonal hinter der Glasscheibe ein mildes Lächeln ab: Das sei so neu ja nun auch wieder nicht. Der TÜV stellt schon seit zwei Jahren gravierende Mängel im Hause fest - "aber wir glauben, dass wir bis zum Ende der Spielzeit wacker durchhalten".

Dieses Ende kommt so sicher wie das Ballett zum "Schwanensee", und was wird dann? Rein äußerlich sieht ja alles ganz gut aus Unter den Linden. Das klassisch schöne helle Haus erstrahlt am Abend, wenn die Damen ihre langen Kleider aus den Taxis schwingen, im Licht der Scheinwerfer, und drinnen mischen sich Vorfreude mit Lüsterglanz, Gold und Plüsch. Aber dahinter steckt der Teufel im (technischen) Detail; der Spielbetrieb laufe "an der Grenze des Kriminellen", sagten Bau-Fachleute, die das Gebäude im Auftrage des Bausenators untersucht haben. Aus Sicherheitsgründen konnte das Haus bereits im Mai 2000 die Oper "Die Verurteilung des Lukullus" in einer Inszenierung von Ruth Berghaus nur konzertant statt szenisch aufführen. Der TÜV beanstandete die Hubpodien aus dem Jahr 1954, die dringend überholt werden müssten.

Was nun, Senator? Wie geht es weiter? Rieselt uns beim hohen "C" der Putz von der Decke ins Dekolleté? Peter Strieders Stimme Petra Reetz erzählt uns, dass sich etwas tut: Ein Gutachter wurde in Marsch gesetzt, um eine Zielplanung zu machen und die Kosten zu prüfen. "Wir sehen das alles kostenkritisch: Was ist notwendig, was muss unbedingt sofort, was später gemacht werden? Es wird einen Fahrplan geben - aber eben kostenkritisch." Ein immer wieder schönes Wort, danke. Und man muss lernen, die Pflicht (eine Türklinke zu reparieren) und die Kür (dafür eine neue, goldene Türklinke anzuschrauben) voneinander zu trennen.

Die Staatsoper rechnet mit hundert Millionen Euro, um die Baupolizei einigermaßen zufrieden zu stellen. Mal sehen, welche Zahl uns nächste Woche der Senatsgutachter nennt. Dann erfahren wir vielleicht auch, wieso schon wieder eine horrende Summe in die 260-jährige Lindenoper gepumpt werden muss, obwohl das Haus erst im November 1986 - nach zehnmonatiger Schließung wegen umfassender Renovierung und Ausstattung mit moderner Technik - wieder eröffnet wurde. Bau und Rekonstruktion wurden damals auch auf hundert Millionen Mark (Ost) beziffert, inklusive der alten neuen Inschrift "Fridericus Rex Apollini Et Mususis", die man 1950 beim Wiederaufbau "vergessen" hatte. Und: sehen wir nicht schon die Risse in Knobelsdorffs Mauern, wenn nebenan eine Tiefgarage ausgeschachtet wird? Leider kann uns niemand diese Fragen beantworten - die Technik-Chefs der Staatsoper sind gerade in Japan bei einem Gastspiel bis Mitte Februar.

Das Haus mit dem historischen Namen stapelt hoch. Es gehört dem Land, aber das Land ist pleite. Was sagt der Mäzen Peter Dussmann als prominenter Freund und Förderer der Deutschen Staatsoper? "Dieses schöne Haus muss zum Bund kommen. Es hat mit dem Land Berlin keine Zukunft. Und es ist naiv, zu glauben, dass die notwendige Bausumme von Mäzenen aufgebracht werden kann." Was nun, Herr Nida-Rümelin?

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