Berlin : Opfer gewalttätiger Männer: "Die große Angst wird ein bisschen kleiner"

Amory Burchard

Die jüngsten Fälle sind den Mitarbeiterinnen des 2. Autonomen Frauenhauses "sehr nahe gegangen": Der Tod der kleinen Gloria Anfang September und jetzt der Mord an der Türkin, die vor den Augen ihrer beiden Kinder auf der Sonnenallee erstochen wurde. Dass so etwas passiert, ist eine der größten Ängste der Frauen auf der Flucht und der Frauen, die ihnen helfen. Wie können sich Frauen und Kinder vor gewalttätigen Männern verstecken? Wo sind sie sicher? Ist ein Frauenhaus sicherer als eine private Zufluchtswohnung? Es gibt keine hunderprozentige Sicherheit, sagten die Frauen. Ein Jahr nach der Eröffnung, 1980, erschoss ein Mann seine Frau vor dem Haus.

Die Mutter der sechsjährigen Gloria hatte alles versucht, sich und ihre Tocher in Sicherheit zu bringen. Die Frau aus Altötting tauchte in Berlin unter, erreichte eine Auskunftssperre. Polizei und Behörden durften ihre Adresse nicht an Ottmar G. weitergeben. Nachdem das Berliner Familiengericht dem Mann erlaubte, seine Tochter zu sehen, holte er Gloria Anfang September zu einem Ausflug ab: Nicht aus einem der vier Berliner Frauenhäuser, sondern aus der Wohnung von Freunden, die sie aufgenommen hatten. "Um seine Frau zu treffen", tötete er die Tochter, gab die Polizei sein Bekenntnis zu der Tat wieder.

Angst in der eigenen Wohnung

Viele gewalttätige Männer versuchen, die Kinder gegen die Mutter aufzubringen, sagen die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses. Die Frauen wollten aus gutem Grund nicht, dass der Vater die Kinder sieht. Wenn die Männer Töchter und Söhne vor der Trennung nicht geschlagen haben, so schlugen sie doch die Mutter vor deren Augen.

Wenn die gemeinsame Wohnung zum Ort von Angst und Schrecken wird, sind Frauenhäuser Zufluchtsorte. Sichere Orte sind sie so lange, wie ein Mann, der seine Frau weiter verfolgen will, nicht die Adresse erfährt. Schon oft standen Männer am Tor des 2. Autonomen Frauenhauses, weil ihr Anwalt Akteneinsicht hatte, weil ein Taxifahrer plauderte, weil er ihr nach einem gemeinsamen Termin in der Ausländerbehörde heimlich folgte.

Jetzt hat das Frauenhaus zum ersten Mal in seiner 21-jährigen Geschichte eine Journalistin eingeladen. Keine Adresse, keine Namen, keine erkennbaren Fotos, das ist die Bedingung. Ihre Geschichten erzählen die Frauen am Frühstückstisch: Kaffee, Zigaretten, angebissene Schrippen, erstaunlich stille kleine Kinder. Die größeren sind in Kitas und Schulen. Für eine organisierte Kinderbetreuung fehlt dem Frauenhaus das Geld.

Sanfter Schub für das Urvertrauen

Es gibt aber therapeutische Angebote: Zum Beispiel eine "Gym" für kleine Jungs und Mädchen mit Aggressionen. Dort können die oft schwer traumatisierten Kinder einen Sandsack boxen und auf Matten toben. Einmal in der Woche werden Stadtkinderträume wahr - und das Urvertrauen bekommt einen sanften Schub: Eine Mitarbeiterin hat ein Pferd und nimmt die Kinder mit zum Reiten. Von außen wirkt das in einem Außenbezirk gelegene Frauenhaus wie ein leicht vernachlässigtes Landgut, idyllisch, abgelegen. In dem Altbau geht es spartanisch zu. Bestenfalls bekommen die Frauen ein Zimmer für sich und ihre Kinder. Wenn mehr als 75 zusammenkommen, müssen sie noch enger zusammenrücken. "Es ist bei uns wie in einer Wohngemeinschaft, aber es ist eine Zwangs-WG", sagt eine Mitarbeiterin.

Sie ist in dieser Nacht gekommen. Mitte 20, schwanger im fünften Monat. Würgemale am Hals, Blutergüsse um die Augen und auf den Wangenknochen sind die unübersehbaren Spuren der letzten Nacht mit ihrem Freund und dem Vater des Kindes. Es war das letzte Mal, sagt sie müde, mit gesenktem Blick. Schon einmal sei sie weggelaufen, habe ein paar Tage auf der Straße gelebt, bevor sie doch wieder zurückging. Und der Terror von vorne anfing.

Montagmorgens werden die Neuen beim gemeinsamen Frühstück begrüßt. Eine dreifache Mutter verspricht über den Kopf ihres an sie gekuschelten Kleinsten hinweg, am Nachmittag mit der werdenden Mutter ins Krankenhaus zu gehen. Sie selbst will in zwei Tagen abreisen. Zurück zu ihrem Mann, nach Griechenland. "Ich gebe ihm bis Weihnachten die berühmte zweite Chance", sagt sie. Es ist die dritte Chance, denn schon einmal war sie weg und ist zurück gegangen. Die meisten Frauen brauchen zwei, drei Anläufe, bis sie den Absprung schaffen, sagt eine Betreuerin. Die Rückkehr zu ihren Männern sollen sie nicht als Niederlage ansehen. "Sie sind Expertinnen ihrer Sicherheit" - irgendwann läutet die Alarmglocke so laut, dass Schluss ist. Die Sozialarbeiterinnen glauben allerdings: Ein Zurück in ein harmonisches Zusammenleben gibt es selbst dann nicht, wenn der Mann eine Therapie macht. "Die Grenzen dieser Beziehung sind viel zu weit überschritten worden."

"Ich habe nur ein kleines Zimmer, aber dieses Zimmer ist sehr schön für mich." Die junge Kurdin hat noch nicht viel Schönes erlebt, seitdem sie vor einem Jahr nach Deutschland kam. Ihr Mann lebte schon seit ein paar Jahren in einem ostdeutschen Bundesland, als er sie und die gemeinsame achtjährige Tochter zu sich holte. Die Familienzusammenführung wurde für Mutter und Tochter zur Familienhölle. Ihr Mann verprügelte sie. Er schlug die Tochter, wenn sie beim Spielen zu laut mit ihren Puppen sprach. Das Familiengericht glaubte der Mutter, sah, dass das Kind verängstigt reagierte, als es auf den Vater angesprochen wurde. Es war dieselbe Kammer, die Glorias Vater ein Besuchsrecht zusprach.

Ein Versteck im großen Berlin

In Berlin, sagt die Kurdin, fühlt sie sich sicher. "Hier kann er mich nicht finden, Berlin ist groß." Lange kann sie wahrscheinlich nicht mehr bleiben. Denn sie hat nur in dem Bundesland, in dem ihr Mann wohnt, ein Recht auf Sozialhilfe. Auch in einem Härtefall wie dem ihren übernimmt Berlin nicht die Kosten, klagen die Sozialarbeiterinnen.

Viele Frauen aus dem Zufluchtshaus gehen zum Sozialamt. Entweder hatten sie keine Arbeit oder sie trauen sich nicht mehr hin, weil ihnen ihre Männer dort auflauern könnten. Aber auch so können sie nicht den ganzen Tag im Frauenhaus hocken. Gerade in der ersten Zeit nach der Flucht müssen Frauen, die ein neues Leben aufbauen wollen, vieles erledigen: Kinder in der neuen Kita oder Schule anmelden, einen Anwalt, Arbeit und Wohnung suchen. Leicht fällt es den wenigsten, den geschützen Raum wieder zu verlassen. Sie suche eine Seniorenwohnung, sagt eine ältere Frau, die vor Jahren aus Jugoslawien nach Berlin kam. "Aber hier fühle ich mich so wohl, die Angst ist ein bisschen kleiner geworden."

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