• Opfer sind hilflos, wenn sie Post vom Täter bekommen Busentführer Dieter Wurm schrieb einer Geisel. Die Adresse hatte er aus den Akten

Berlin : Opfer sind hilflos, wenn sie Post vom Täter bekommen Busentführer Dieter Wurm schrieb einer Geisel. Die Adresse hatte er aus den Akten

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Gegen den Brief des Geiselnehmers Dieter Wurm konnte sich sein Opfer Inge H. nicht wehren. Wie berichtet, erhielt die Geisel sechs Monate nach der Busentführung der Linie 185 einen Brief vom Täter. In dem Schreiben, das dem Tagesspiegel vorliegt, möchte sich Wurm entschuldigen. Er schreibt, er wolle „die Gelegenheit nutzen, mich in aller Form bei Ihnen zu entschuldigen und Sie um Verzeihung zu bitten. Dieses ist mir wichtig, und ich will damit ausdrücken, dass es mir sehr leid tut, was ich Ihnen angetan habe.“

Die Adresse, schreibt Wurm, habe er „aus den Akten“ erfahren. Dies könnte die Anklageschrift sein. Sie wird jedem UHäftling zugeschickt. „Zur Vollständigkeit der Anklageschrift gehören auch der Name und die Adresse der Zeugen“, sagt Gerichtssprecher Arnd Bödeker. Die zweite Möglichkeit: die Ermittlungsakte. Zwar habe der Angeklagte kein Recht darauf, die Ermittlungsakte beim Gericht zu beantragen. Sein Anwalt aber bekommt die Akte und darf dem Mandanten Auszüge kopieren, sagt Bödeker. Auch in der Ermittlungsakte tauchen Namen und Adressen der Zeugen auf. Prinzipiell können Opfer oder Zeugen nichts dagegen tun. Nur in Ausnahmefällen wird darauf verzichtet. Etwa, „wenn sich vorher abzeichnet, dass ein Opfer vom Täter bedroht wird oder sich Spannungen andeuten“. Dies kann der Fall sein, wenn der Täter schon bei der Festnahme das Opfer bedrohe. Die Entscheidung, ob die Adressen der Opfer und Zeugen in der Akte auftauchen oder nicht, liegt beim Staatsanwalt.

Doch der Drohbrief eines frisch gefassten Täters würde das Opfer gar nicht erreichen: In der Untersuchungshaft wird jeder Brief, den ein Häftling erhält oder abschickt, vom Richter kontrolliert. Schließlich wolle man auch verhindern, dass der Angeklagte per Brief seine Flucht vorbereitet oder die Tat verdunkelt. Für Gefangene, denen der Prozess bereits gemacht wurde, gilt „nur eine eingeschränkte Zensur“, sagt Justizsprecherin Andrea Boehnke. Hier kontrolliert nicht der Richter, sondern die Haftanstalt. Die Gefangenen dürfen schreiben, so viel sie wollen. Die Briefe bleiben offen, Stichproben werden kontrolliert.

„Entschuldigungsbriefe“ werden somit nicht aussortiert. Laut Gesetz ist es sogar erwünscht, dass sich ein Angeklagter für die Tat entschuldigt. Das kann sich strafmildernd auswirken. So schreibt Dieter Wurm: „So habe ich mir erlaubt, Ihnen diesen Brief zu schreiben (…). Ich hoffe, dass Sie mittlerweile dieses schreckliche Erlebnis überwunden haben.“

Der Sprecher der Opferschutzorganisation „Weißer Ring“, Helmut Rüster, kritisiert, dass ein Gefangener und dessen Umfeld die Daten der Opfer aus den Akten erfahren können. „In der Regel wollen die Opfer keinen Kontakt mit den Tätern.“ Bei einer Entschuldigung, sei es besser, das Opfer vorher zu fragen, ob es mit einem Schreiben einverstanden ist.

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