Berlin : Opferfest oder: Was Gott gefällt

Suzan Gülfirat

GAZETELER RÜCKBLICK

Jeden Montag im Tagesspiegel: ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Zeitungen.

Stolz präsentierte gestern die Tageszeitung Türkiye auf ihrer Titelseite eine Aufnahme aus Saudi-Arabien. Zum Höhepunkt der islamischen Pilgerfahrt Hadsch sind am Samstag rund 1,7 Millionen Gläubige zum Berg Arafat nahe Mekka gezogen, wohin auch etwa 500 Berliner Türken gereist sind. Als Luftaufnahme gibt diese Szenerie natürlich ein imposantes Bild her. „Wie am Versammlungsort des jüngsten Tages“, titelte die Zeitung etwas kryptisch dazu, weil an diesem Tag in allen Religionen die frommen Menschen, die frei von Sünden sind, ins Paradies kommen werden. Und nach dem islamischen Glauben werden die Menschen während dieser Pilgerreise von ihren Sünden befreit. An dieser Stelle sind am Sonntag mehr als 200 Gläubige zu Tode getrampelt worden (siehe Weltspiegel). Berliner Pilger sind nach Angaben der türkischen Botschaft nicht unter den Opfern.

Zum Opferfest haben die Zeitungen ihren Lesern ein frohes und gesegnetes Fest gewünscht. Trotzdem haben sie das Thema unterschiedlich behandelt. Die Hürriyet und Milliyet berichteten angesichts der Tierquälerei und des alljährlichen Gemetzels auf den Straßen in der Türkei, wie in den Jahren zuvor auch, eher mit kritischem Unterton. Für uns ist diese Berichterstattung deshalb wichtig, weil auch die türkischen Muslime in dieser Stadt diese Zeitungen lesen. Die national-religiöse Türkiye liegt zum Beispiel in dem Gemeindehaus auf dem Gelände der Moschee am Columbiadamm in Neukölln aus. Die Zeitung hat Kolumnen, in denen Fragen zur Religion beantwortet werden und religiöse Themen oft Gegenstand von Kommentaren sind, wie zum Beispiel am Sonntag. Es ging in dem knapp hundertzeiligen Text um das Schächten von Opfertieren. „Jeder selbst ernannte Experte äußert sich in diesem Jahr zu diesem Thema. (…) Seit Tagen diskutieren sie im Fernsehen darüber. (…) Man kann regelrecht beobachten, wie sie die Muslime davon abbringen wollen, ihrer religiösen Pflicht nachzukommen“, beschwerte sich der Kommentator und fügte dem ironisch hinzu. „Was sie nicht sagen: Gott könne man sich auch auf andere Art und Weise nähern. Ihm gefalle es genauso, wenn man den Bedürftigen Geld oder Medikamente spende.“ Das ginge aber nicht. Der Prophet Mohammed habe nichts darüber gesagt, dass man statt des Fleisches des Tieropfers den Armen etwas anderes geben könne.

Auch in Berlin werden in diesen Tagen Schafe und Lämmer in einigen der Schlachtereien im Umland geopfert. Darüber, ob die Tiere vorher betäubt werden müssen oder nicht, schrieb der Kommentator nichts. Allerdings steht diese Frage in der Türkei gar nicht zur Debatte steht.

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