Berlin : Orange war die Vergangenheit, die Gegenwart ist grau

Neu gekachelt: Nach viermonatiger Sanierung hat der S-Bahnhof Friedrichstraße das DDR-Ambiente gegen modernen Bahnstandard eingetauscht

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Neu–Berliner sahen in ihm nur eine Schmuddelecke, für alte West-Berliner schwang bei seinem Anblick noch lange ganz anderes mit, Erinnerungen an Mauerzeiten, Grenzübergang und zollfreies Einkaufen im Intershop. Ostlern war der Zugang bis 1989 sowieso verwehrt.

Nach viermonatiger Sanierung und ebensolanger Unterbrechung des S-Bahnverkehrs erstrahlt der unterirdische S–Bahnhof Friedrichstraße nun in neuem Glanz. Am morgigen Sonntag um vier Uhr wird er wieder in Betrieb genommen. Über sechs Millionen Euro hat die Bahn AG für die Sanierung dieses Bahnsteigs „D“ ausgegeben. Damit ist die Sanierung des gesamten Bahnhofs Friedrichstraße abgeschlossen.

Der Verkehrsknoten, an dem täglich rund 100 000 Menschen umsteigen, ist kaum wiederzuerkennen: hell, modern und übersichtlich. Die Wände wurden mit matten, hellgrauen Kacheln gefließt, der Boden dunkelgrau. Große runde Leuchten an den Decken tauchen das Bauwerk in mildes Licht. Drei Kioske für Zeitungen, Backwaren und Imbiss, sowie das Häuschen des Zugabfertigers bestehen aus grünen Kacheln und Milchglas.

Für die Fahrgäste ist vieles praktischer geworden. So erleichtern ein Aufzug und vier Rolltreppen den Fahrgästen das Umsteigen zwischen oben und unten. Eine Rolltreppe konnte allerdings noch nicht in Betrieb genommen werden, weil der TÜV Mängel entdeckte. Im Übrigen ist der Bahnsteig mit seinen blitzblanken Fahrkartenautomaten, beleuchteten Anzeigetafeln, Uhren, Infosäulen und Reklametafeln im gängigen Stil der Deutschen Bahn AG gehalten.

Im Prinzip könnte sich dieser Bahnsteig deshalb überall in Deutschland befinden. Überraschen wird es nur den, der den alten Bahnsteig kennt. Bis zum Sommer noch war er mit seinen orange-gekachelten Wänden, Alu-Türen und verwinkelten Treppen ein schaurig-schönes Überbleibsel der DDR-Bauweise aus den 70er Jahren. Eine eigene obskure Atmosphäre entwickelte sich dort, sechs Meter unter der Erde, besonders in den Nachtstunden, wenn ein bunt gemischtes Volk aus Kneipenbesuchern auf dem Heimweg, Obdachlosen, Zeitungs- und Würstchenverkäufern aufeinander traf.

Bei der Sanierung orientierte sich die mit den Arbeiten betraute DB Projekt Verkehrsbau GmbH, den Denkmalschutz-Auflagen entsprechend, am Aussehen des S-Bahnhofs bei seiner Eröffnung 1936. Das betrifft vor allem die graue und grüne Farbgebung der Kacheln. Teilweise mit den alten Orginalkacheln wiederhergestellt wurde der Übergang zur U-Bahnlinie 6 und der Zugang Georgenstraße. Dort kann man auch noch Fotos von den Bauarbeiten aus den 30er Jahren sehen.

Die Geschichte des oberirdischen Teils des Bahnhofs reicht viel weiter zurück. Er wurde bereits 1882 als Stadtbahnhof eröffnet. 1923 kam der U-Bahnhof unter der Friedrichstraße hinzu. Der unterirdische S-Bahnhof entstand 1934 bis 1936 mit dem Nord-Süd-Tunnel. Nach dem Mauerbau war der Bahnhof Friedrichstraße der einzige Übergang für S-, U- und Fernbahnreisende zwischen Ost- und West. Die DDR ließ umfangreiche Grenzanlagen errichten und den labyrinthartigen Bahnhof mit über 140 Kameras und Monitoren überwachten. Von diesen Grenzanlagen übrig ist nur noch der früher als Abfertigungsgebäude genutzte „Tränenpalast“. Tobias Arbinger

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