Oranienburger Straße in Berlin : Stillstand am Tacheles

Das Tacheles verkommt – und niemand hat eine Idee für diese zentrale Brache Berlins. Jetzt werden sogar die Gerüchte weniger. Die Politik will trotzdem keine Verantwortung übernehmen.

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Das Tacheles, einst Inbegriff der Berliner Kulturszene, wurde nach jahrelangen Auseinandersetzungen im September 2012 endgültig geräumt.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
12.07.2013 17:59Das Tacheles, einst Inbegriff der Berliner Kulturszene, wurde nach jahrelangen Auseinandersetzungen im September 2012 endgültig...

It’s closed?“ Ja, es ist geschlossen, und zwar für immer, schon seit vergangenem Jahr. Das Tacheles, die Kunstruine an der Oranienburger Straße, im alten Zentrum Berlins, gibt es nicht mehr. Trotzdem schlendern dort unentwegt Touristen vorbei, vor allem junge Menschen, wie diese vier Amerikaner, die enttäuscht sind und ihren Stadtplan verwundert anschauen, als könne er etwas dafür. „Oh, it’s bad“, sagt der Wortführer, dann zieht sein kleine Trupp weiter in Richtung Synagoge.

Der Mann hat recht. Schön ist das wirklich nicht. Eine 25 000 Quadratmeter große Brache im Herzen der Stadt, seit 2008 unter Zwangsverwaltung der HSH-Nordbank, die in Hamburg sitzt und sich für die bauliche Entwicklung der Hauptstadt so gar nicht interessiert. Per Zwangsversteigerung soll die Immobile zu Geld gemacht werden, und zwar in einem Stück. Denn der Eigentümer, die Johannishof Projektentwicklung GmbH & Co KG des Immobilienkaufmanns Anno August Jagdfeld, steht tief in der Schuld der Bank. In anderer Sache ist er der schweren Untreue angeklagt, vom Glanz seiner Fundus-Unternehmensgruppe blieb nicht mehr viel übrig.

Die alten Pläne für das Tacheles-Areal sind verworfen

2001 schwärmte der damalige Bausenator Peter Strieder (SPD) noch von dem Mega-Projekt rund um das Tacheles, in das Fundus über 300 Millionen Euro investieren wollte. „Eine Synthese von Wohnen und Kultur ergänzt die Lebendigkeit der Oranienburger Straße und die attraktiven Büroflächen bilden den Übergang zu dem geschäftigen Treiben in der Friedrichstraße.“ Ein Hotel und kleine, nette Läden sollten das Ensemble abrunden. In Nachbarschaft zum Sanierungsgebiet der Spandauer Vorstadt, der Bezirk Mitte setzte vor zehn Jahren nach vielen Diskussionen den Bebauungsplan I-41 fest. „Die Planer planen und das Schicksal lacht darüber“, sagt ein arabisches Sprichwort. Nichts wurde Wirklichkeit.

Stattdessen rattert die Straßenbahn an rostigen Stahltüren und Graffiti-besprühten Glasfronten vorbei. Das High End 54-Kino ist mit Heiner Müllers „Anatomie Titus“ am 18. September 2011 im Dornröschenschlaf erstarrt. Daneben hat ein Spaßvogel vom Amt die Bauordnung Berlins ausgehängt und ein ahnungsloser Stadtführer erzählt einer Horde pubertierender Mädchen: „Hier leben Künstler. Äh, haben hier wohl gelebt und wurden von der Stadt vertrieben, weil es jetzt einen Bebauungsplan gibt.“ Ein Plan von 2003, der nicht greift, weil das Geld fehlt – und ein kompetenter Bauherr.

Gerüchte gab es viele, wer rund ums Tacheles angeblich investieren wollte: Karl-Heinz Müller, der Chef der Modemesse Bread & Butter. Harm Müller-Spreer, der Baulöwe aus Hamburg, der in Berlin unter anderem das umstrittene Hochhaus am Spreedreieck baute. SAP-Chef Hasso Plattner. Das Bundesministerium für Gesundheit. Vielleicht sogar das Land Berlin. Nun gehen den Gerüchtemachern die Namen aus. Auch ist längst nicht mehr die Rede davon, dass dieser zentrale Ort Berlins teilweise wieder einer kulturellen Nutzung zugeführt wird. Planungsrechtlich ist das zwar vorgeschrieben und Kultur-Staatssekretär Andre Schmitz verkündete regelmäßig das Ziel, „hier einen interessanten Standort für die zeitgenössische Kunst zu entwickeln“. Aber das tat er zuletzt 2012.

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