Berlin : Oranienstraße in Kreuzberg: Ein Kiez für Kids

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Als sie vor fünf Jahren kurz nach der Geburt ihres Sohnes den Laden in der Oranienstraße 17 am Heinrichplatz gemietet hatte, fand Doris Rapp uralte Quittungen aus der Zeit der Jahrhundertwende. Denn bevor sie ihr Babybekleidungsgeschäft Parvulus (von lat. parvulus: der Kleine) einrichtete, war an der Stelle stets ein Juwelier gewesen. Die vergilbten Rechnungen hat Doris Rapp dem Kreuzberg-Museum in der Adalbertstraße geschenkt. Nun verkauft der Laden nicht mehr Ringe und Ketten, sondern Babysocken, Schaffelle, Rasseln und Schnuller. Der 42 Quadratmeter kleine Raum ist voll mit Waren.

Bis vor Kurzem hatte Rapp schräg gegenüber noch einen zweiten Laden für Schuhe und Kinderbücher. "Ich habe grundsätzlich nur Frauen mit Kindern als Verkäuferinnen eingestellt", erzählt die Händlerin, "aber die wollten meistens nach einem Jahr aufhören, und ich habe keine Lust gehabt, immer wieder jemanden einzuarbeiten". In das Geschäft ist ein Schmuckladen eingezogen, die Bio-Gummistiefel und Erziehungs- sowie Bilderbücher stapeln sich nun im Babyladen.

Doris Rapp kam 1985 aus dem rheinlandpfälzischen Landau nach Berlin. Seit 17 Jahren wohnt die 34-Jährige in Kreuzberg. Bevor sie zur Babyfachfrau wurde - in der Remise im Hof veranstaltet sie regelmäßig Geburtsvorbereitungs- und Wickelkurse -, hatte sie einen Satire-Laden am Paul-Lincke-Ufer: Postkarten, Bücher, Geschenkartikel. "Satire macht mir Spaß", sagt Rapp. Sie lacht gerne und erzählt viel. Zusammen mit ihrem Lebenspartner und Sohn Colin bewohnt sie eine Wohnung auf zwei Etagen über ihrem Laden. Der Kindsvater versorgt den Jungen nach dem Kindergarten, damit Doris Rapp ihrem Geschäft nachgehen kann. Als vor einem Jahr in der "Brigitte" über den Niedergang der Oranienstraße zu lesen war, hat sie sich aufgeregt: "Das stimmt gar nicht", meint sie, "hier ist immer was los!" Vor allem seit der Gründung der IG Oranienstraße, in der sie Mitglied ist, gehe es bergauf mit der Straße. Auch der berühmt-berüchtigte 1. Mai mit seinen traditionellen Straßenschlachten sei "gar nicht mehr so dramatisch". Doris Rapp ist mit ihrer Familie an diesem Feiertag trotzdem regelmäßig abwesend: "Der Kleine hat Angst, wenn die ganze Nacht Blaulicht und Sirenen Alarm machen." Ihrem Laden sei noch nichts passiert. Die Rollgitter hat sie nur wegen der Versicherung, anders wäre das Glas nicht bezahlbar.

Doris Rapp, die einst Erwachsenenbildung und Amerikanistik studiert hat, fühlt sich wohl in "Heinrichdorf", wie Anwohner die Gegend um den Heinrichplatz nennen. Es gibt viele junge Familien. Ihr Sohn ist, ähnlich wie die anderen Kinder des Viertels,in der Umgebung bekannt: Die Mutter kann ihn vor die Tür schicken, und jeder weiß Bescheid, wo er hingehört. "Solange es meinem Sohn hier gut geht, bleiben wir."

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