Orkan "Xavier" in Berlin : Wie S-Bahn-Twitterin Yvi nach Hause kam

Yvonne Wick kommunizierte während "Xavier" mit gestrandeten Passagieren. Am Ende setzte sie eine verzweifelte Nachricht ab - mit riesiger Resonanz. Ein Interview

Sophie Krause
Im Dienst der Kunden. Yvonne Wick.
Im Dienst der Kunden. Yvonne Wick.Foto: privat

Yvonne Wick arbeitet seit 30 Jahren bei der S-Bahn. Während des Orkans „Xavier“ betreute Sie im Kundenservice des Unternehmens den Twitteraccount. Unter dem Namen Yvi beantwortete sie zahlreiche Anfragen gestrandeter Fahrgäste und erhielt für ihre einfühlsamen Tweets viel Lob. Am Schluss ihrer Schicht teilte sie gegen 22 Uhr über den Kurznachrichtendienst mit, dass sie nun selbst auch nach Hause laufen müsse: "Ich werde jetzt auch irgendwie nach Hause laufen. Ich weiß nicht, was ich schreiben soll. Finde nicht die richtige Worte, sorry", schrieb sie.

Rund 187.000 Menschen folgen der S-Bahn auf Twitter. Das Unternehmen musste wegen des Orkans viele Verbindungen im ganzen Stadtgebiet einstellen und fährt bis heute noch nicht regulär. Da die Fahrgastauskünfte auf den Internetseiten der BVG und der S-Bahn zeitweise nicht erreichbar waren, blieb Yvonne Wick am Abend des Sturms für viele Fahrgäste die erste Anlaufstelle. Wir haben mit ihr über diesen Tag gesprochen.

Frau Wick, wie läuft Ihre Arbeit bei der Kundeninformation der S-Bahn normalerweise ab?
Insgesamt sind wir 24 Mitarbeiter, die alle Anliegen, Fragen und Beschwerden der Kunden persönlich am Telefon und per Mail entgegennehmen, aber auch alle Anfragen, die per Post und Fax kommen. Twitter ist für uns ein zusätzlicher Kanal, um aktuelle Infos an die Fahrgäste rauszugeben. Wir stehen in engem Kontakt mit unserer Transportleitung, die uns die Informationen durchgibt.

Und am Donnerstag, in der Ausnahmesituation des Sturms, ist dann halb Berlin über Sie hergefallen, oder?

Nicht nur am Donnerstag, vor allem auch am Freitag, als viele Züge noch nicht fahren konnten. Als am Donnerstag die ersten Meldungen kamen, dass Bäume auf die Gleise gefallen seien, da habe ich schon gemerkt: Oh, oh, das hatten wir in dieser Dimension noch nicht. Nachdem die Transportleitung gezwungen war, den Zugverkehr einzustellen, hatte ich ein sehr mulmiges Gefühl. Ich wusste, was das bedeutet, denn ich bin seit 30 Jahren bei der S-Bahn und war am Anfang auch als Bahnsteigaufsicht tätig. Ich kann mich nicht erinnern, eine so extreme Situation schon mal erlebt zu haben.

Während draußen der Orkan wütete, hielten Sie die Fahrgäste auf Twitter auf dem Laufenden. Wie haben die gestrandeten Fahrgäste reagiert?

Es kamen viele positive Rückmeldungen und das hat mich in meiner Arbeit auch beflügelt. Es wurde auch Kritik geäußert, ob auf Twitter oder am Telefon. Aber die positiven Rückmeldungen überwogen.

Bevor Sie Ihre Schicht beendeten, haben Sie dann getwittert, sie müssten nun auch selber nach Hause laufen. Wie sind Sie denn letztlich heimgekommen?

Naja, schrittchenweise. Ich bin mit der S-Bahn von Nordbahnhof zum Potsdamer Platz gefahren. Am Nordbahnhof habe ich anderen Fahrgästen noch ein paar Auskünfte gegeben. Ab Potsdamer Platz bin ich dann weiter bis Südkreuz gefahren, von wo ich ein Stückchen zu meinem Auto laufen musste. Gegen Mitternacht kam ich schließlich zuhause an, mit einer Stunde Verspätung.

Wie ging es Ihnen, als Sie nach Hause kamen? Waren Sie platt und glücklich, sicher angekommen zu sein?

Erschöpft war ich, glücklich nicht. Weil ich wusste, dass es da draußen noch nicht läuft bei der S-Bahn. Vor allem war ich besorgt um unsere Fahrgäste, denn die hat es teilweise viel schlimmer getroffen.

Xavier tobt durch Berlin und Deutschland
Entwurzelte und umgestürzte Kiefer in der Nickisch-Rosenegk-Str. in Berlin-Schlachtensee.Weitere Bilder anzeigen
1 von 38Foto: Thilo Rückeis
06.10.2017 18:24Entwurzelte und umgestürzte Kiefer in der Nickisch-Rosenegk-Str. in Berlin-Schlachtensee.
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