Berlin : Ort der Stille, Ort der Massen

Lothar Heinke

Das Holocaust-Mahnmal mit seinen 2711 Betonstelen wurde seit seiner Eröffnung vor einem Jahr von schätzungsweise dreieinhalb Millionen Menschen besucht. Im unterirdischen Ort der Information haben in dieser Zeit 490 000 Gäste – 40 Prozent davon waren ausländische Besucher aus hundert Nationen, viele aus Israel und den USA – Einzelheiten über den Mord an Millionen Juden unter dem Nazi-Terror erfahren. „In diesem Ort herrscht eine würdevolle Stille, das Mahnmal ist ein Touristenmagnet und das Verhalten im Stelenfeld ein Spiegelbild unserer Gesellschaft“, zu dieser Bilanz kommt der Geschäftsführer der Mahnmalsstiftung, Uwe Neumärker. Bei einer Pressekonferenz nennt er neben dem israelischen Staatspräsidenten Mosche Katsav die Namen weiterer Politiker, die das Mahnmal besucht haben; US-Botschafter William R. Timken zeigt regelmäßig seinen Gästen das Stelenfeld, neben dem die neue amerikanische Botschaft gebaut wird. Uwe Neumärker summiert einige Vorkommnisse in dem rund um die Uhr geöffneten Mahnmal: „Wir entdeckten fünf Hakenkreuze, vier Davidsterne und ein Graffito – das ist im Grunde nichts“, gemessen an mancherlei Befürchtungen. Auch das Hüpfen von Stele zu Stele habe nachgelassen, die Obhut der Ordnungskräfte wurde verstärkt, nachdem ein Stelenspringer in die Tiefe gestürzt war.

Lea Rosh, die seit 1988 um ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas gekämpft hatte, schätzt, dass die Hälfte der deutschen Bevölkerung das Feld der Steine annimmt, während es die andere Hälfte nicht so gut und notwendig findet. Im Übrigen sei die Kritik am Mahnmal seit der Eröffnung viel leiser geworden, betonte die Vorsitzende des Förderkreises. „Es ist für uns eine wunderbare Bestätigung, dass die Leute derart hindrängen“, die Besucher zeigten sich offen und ernsthaft, von einer „Schlussstrichmentalität“ sei „nichts zu spüren“. Und auch Uwe Neumärker stellt fest: „Unsere schärfsten Kritiker sind zu unseren Freunden geworden“.

„Auf ewig Respekt“ verdienten Lea Rosh und Eberhard Jäckel für ihre beharrliche Initiative, sagt der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Gideon Joffe. Es sei ein sperriges Denkmal, quasi mit 2711 Stolpersteinen oder Steinen des Anstoßes. Mit dem Bau, für den der Bundestag im Juni 1999 mit 314 zu 209 Stimmen votiert hatte, habe Deutschland einen verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte gezeigt, sagte Joffe. Das Stelenfeld inmitten der Stadt dürfe nicht nur als Gedenkstätte für die Opfer, sondern müsse auch als Mahnmal gegen Antisemitismus begriffen werden. Die Dimension der jetzt am Rande entstandenen Ladenstraße für touristische Bedürfnisse nannte Lea Rosh indes „abartig und absurd“. Uwe Neumärker sagt: „Um das Denkmal gibt es immer Debatten, das ist auch gut so, denn solange man darüber redet, bleibt es lebendig“.

Das Mahnmal hatte 27 Millionen Euro gekostet, für die Unterhaltung sind im Budget des Bundes zwei Millionen Euro pro Jahr eingeplant. Allein im April und Mai haben sich 300 Besuchergruppen angemeldet – zur „Langen Nacht des Denkmals“ am 13. Mai ist der Ort der Information bis 2 Uhr geöffnet.

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