Orthopädie : Kunstvolle Bewegungen

Nutzen sich die Gelenke ab, kann das zu großen Beschwerden führen. Mit einem neuen Hüftgelenk können Betroffene heute sogar wieder Sport treiben

Matthias Lehmphul
Klinikvergleich Berlin – eine Serie von Ingo Bach (verantwortlich), Matthias Lehmphul und Fabian Bartel (Grafiken)
Klinikvergleich Berlin – eine Serie von Ingo Bach (verantwortlich), Matthias Lehmphul und Fabian Bartel (Grafiken)

Das Leben gräbt sich nicht nur in die Haut. Wenn sich Menschen jahrzehntelang zu wenig oder zu oft falsch bewegen, kann das im Alter deutliche Spuren an ihren Gelenken hinterlassen. Auch Jutta Steglich erging es so. Zwei Jahre lang plagten die 61-jährige Rentnerin Schmerzen in der linken Hüfte. Die ehemalige Verkäuferin aus Teltow versuchte so gut es ging, mit den Beschwerden zu leben. Sie vermied unnötige Bewegungen, suchte, wenn es gar nicht mehr ging, auch mehrere Orthopäden auf und nahm Schmerzmittel. Doch die Tabletten verschafften nur kurzzeitige Linderung. Trotz Massagen und Spritzen war der Alltag zunehmend eingeschränkt. Am Ende war an Gartenarbeit, ihre Lieblingsbeschäftigung, nicht mehr zu denken.

Endlich ordnete ein Arzt eine Röntgenuntersuchung an. Auf dem Röntgenbild wurde die Ursache für die Schmerzen sichtbar: die Knorpelschicht, die das Hüftgelenk beweglich hält, war fast abgeschliffen. Mediziner nennen das Coxarthrose.

Die Hüftgelenke verbinden Oberschenkel und Becken miteinander und ermöglichen die Bewegung der Beine. Zwischen diesen Knochen befindet sich Knorpelgewebe, das wie ein Stoßdämpfer wirkt. Und es kann einiges an Belastung wegstecken. Doch wenn die Belastungen überhandnehmen, können Arthrosen entstehen. Schwere körperliche Arbeit, zu viel und vor allem falsch ausgeführter Sport und Übergewicht machen den Gelenken besonders zu schaffen. Dadurch wird die Knorpelschicht über Jahre immer dünner, ohne nachzuwachsen. Fehlt diese Zwischenschicht, reiben die Knochen von Becken und Oberschenkel ungeschützt aneinander.

Auch Jutta Steglich hat es erwischt. Die etwa 1 Meter 65 große, blonde Frau hat viele Jahre als Verkäuferin hinter dem Verkaufstresen gestanden. Und nun muss ihr Hüftgelenk ersetzt werden. Die Brandenburgerin entschied sich, ihre Prothese im Immanuel Krankenhaus in Berlin-Wannsee einpflanzen zu lassen.

Orthopäde Leif Bröcker steht im Operationssaal. 8:30 zeigt die Uhr an der Wand. Auf einem dunkelblauen Tuch liegen sterilisierte Spezialwerkzeuge — silbern glänzende Fräsen, Skalpelle und Raspeln. Zu diesem Zeitpunkt wirkt bei Jutta Steglich bereits die verabreichte Narkose.

Etwas Blut tritt aus der Wunde, als Bröcker mit dem Skalpell die Haut auf dem Oberschenkel aufschneidet. Während der gesamten, etwa anderthalb Stunden dauernden Operation, kann bis zu einem Liter Blut fließen. Um einen zu großen Blutverlust und damit verbundene Komplikationen zu vermeiden, arbeitet sich Oberarzt Bröcker an den großen Gefäßen gezielt vorbei. Sein Assistent verödet mit einer Art Lötkolben die durchtrennten Gefäße, um Blutungen zu stoppen. Das Blut, das der Operateur vergießen muss, ist jedoch nicht verloren. Es wird aufgesaugt, in einem Filter gereinigt und kann bis zu sechs Stunden nach der Operation der Patientin wieder zurückgegeben werden, wenn sie es braucht. Blutkonserven sind mit dieser Technologie kaum noch notwendig.

Der Eingriff bei Frau Steglich gilt unter erfahrenen Chirurgen als Routine. Meist sind die Betroffenen über 50 Jahre – und haben im Laufe der Zeit einen Teufelskreis durchlaufen. Um die Schmerzen in der Hüfte zu vermeiden, beugen, laufen oder sitzen sie plötzlich unbewusst anders. „Je mehr man bestimmte Bewegungen und Haltungen vermeidet, desto schneller steifen die Gelenke ein“, sagt Oberarzt Bröcker. Untypische Bewegungen folgen, etwa wenn das Bein nachgezogen werde. In diesem Zustand helfen oft nur noch künstliche Hüftgelenke.

Die Operateure implantieren die Prothesen über verschiedene Zugänge, in der Leistengegend, seitlich über der Hüfte oder am Gesäß — bis zu 20 Zentimeter groß können die Schnitte sein. Doch bei Jutta Steglich verwendet der Chirurg eine minimalinvasive Operationstechnik, wie er sie nennt. „Etwa sieben Zentimeter groß ist der Schnitt,“ sagt Bröcker. Wichtiger als die Länge der Narbe sei allerdings, so wenig Muskeln wie möglich zu verletzen.

Patientin Steglich wird auf der Seite direkt über der Hüfte operiert. Um an die Knochen heranzukommen, nutzt der Orthopäde eine Lücke im Muskelgewebe. Bei anderen Verfahren müssten immer noch umliegende Muskeln gekappt werden, sagt Bröcker. Der Heilungsprozess ziehe sich dadurch aber in die Länge. „Wenn die Oberschenkelmuskeln nicht durchtrennt werden, können die Patienten sofort wieder Laufübungen machen“, sagt Bröcker.

Aber die kleineren Schnitte sind unter Experten durchaus umstritten. Denn je kleiner die Zugangöffnungen sind, desto größer sei die Gefahr, den Überblick im Operationsgebiet zu verlieren. Dadurch könnten Hüften falsch eingesetzt und Reparatureingriffe notwendig werden. „Die Qualität darf aufgrund von kleiner werdenden Zugängen nicht beeinträchtigt werden“, mahnt zum Beispiel Michael Muschik, Chefarzt der Orthopädie der Park-Klinik in Weißensee.

Wieder zurück in den Operationssaal zu Jutta Steglich. Auf einer Ablage neben dem Operationstisch liegen die in einer verschweißten Tüte verpackten Teile der Prothese. Künstliche Hüftgelenke bestehen aus vier Komponenten: Gelenkpfanne mit einer dazugehörigen Einlage, Gelenkkugel und Schaft.

Der Eingriff gleicht einem soliden Handwerk, wenn Bröcker das Gelenk aufmeißelt oder den Knochen zersägt.

Als erstes setzt der Operateur die künstliche Gelenkpfanne ein. Sie ähnelt einer Halbkugel, die außen aufgeraut und innen glatt ist. Dazu fräst Bröcker den Beckenknochen mit einem Raspelkopf aus. In die entstehende Aussparung spannt der Chirurg die Kunstpfanne passgenau ein — Hammerschlag für Hammerschlag.

Das Gegenstück zur Gelenkpfanne — der künstliche Gelenkkopf — wird im Oberschenkelknochen verankert. Zunächst muss der Chirurg dazu den abgenutzten natürlichen Knochenkopf absägen. Bei jüngeren Patienten schieben Operateure den bis zu 17 Zentimeter langen Schaft, der den Gelenkkopf hält, in den Knochenmarkkanal. Das umliegende Knochengewebe verwächst nach der Operation mit der titanbeschichteten Oberfläche des Schaftes, verankert ihn fest.

Sind die Knochen aufgrund des fortgeschrittenen Alters eines Patienten jedoch bereits porös, könnte ein so eingesetzter Stab sich leichter lockern oder sogar den Knochen sprengen. Deshalb zementieren Fachärzte in diesem Fall den Titananker im Knochenmarkkanal ein.

Bundesweit gilt jedoch die zementfreie Variante heute als Standard. Auch bei Patientin Steglich verwendet Chirurg Bröcker dieses Verfahren. Bevor der Schaft eingesetzt wird, steckt Bröcker zunächst ein Probemodell in den Oberschenkelknochen und renkt es samt Kugel in die Pfanne ein. Der Oberarzt lässt ein Röntgenbild machen, das Gerät wird in den OP geschoben. Mit der Aufnahme will Bröcker sichergehen, dass die Verankerung der Prothese weder zu kurz noch zu lang ist, die Patientin also nach der Implantation keine unterschiedlichen Beinlängen hat. Steglich würde wohl sonst dadurch ihre Gelenke falsch belasten und möglicherweise erneut eine Arthrose erleiden.

Das zuvor berechnete Modell passt. Geräuschlos klackt Bröcker den von ihm bestimmten Schaft ein und drückt die eingesetzten Gelenkteile ineinander. Die Uhr an der Wand zeigt 10:00. Bröcker vernäht die Wunde am Oberschenkel. Fertig.

Wenn Frau Steglich aus der Narkose erwacht, wird sofort mit der Physiotherapie begonnen. „Nicht liegen, sondern gleich bewegen“, fordert Oberarzt Bröcker.

Für 15 bis 20 Jahre dürfte Steglichs Hüfte nun schmerzfrei sein, denn so lange halten Prothesen. Immer größere Belastungen und Haltbarkeiten werden von den künstlichen Gelenken erwartet. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Patienten auch in immer jüngeren Jahren schon eine neue Hüfte bekommen.

Diese Entwicklung beobachten Experten durchaus skeptisch. Denn sie wirft eine Frage auf: Sind Prothesen wirklich immer notwendig? „Die Menschen nehmen keine Schmerzen mehr hin“, sagt der Orthopäde Muschik von der Park-Klinik Weißensee. Doch genau hier ist der Arzt in der Grauzone von notwendigen und unnötigen Implantationen. Denn eine für alle Menschen gleiche Schmerzgrenze, ab der ein Kunstgelenk unumgänglich wird, gibt es nicht. „Schmerzen können wir nicht auf dem Röntgenbild sehen. Sie werden individuell empfunden“, sagt Leif Bröcker vom Immanuel Krankenhaus. Die einen bewegten sich noch mit einer fortgeschrittenen Arthrose ohne Beschwerden. Andere wiederum könnten in diesem Stadium die Schmerzen nicht mehr aushalten.

Nicht immer verlaufen die Operationen komplikationslos. In Deutschland muss jedes zehnte Hüftimplantat wieder ausgetauscht werden. Das liegt zum einen daran, dass trotz neuester Technologien Knochen und Metall nicht vollständig verwachsen, wie es bei gebrochenen Knochen der Fall wäre. Auch können sich, so Oberarzt Bröcker, die Gewebe um Implantate herum aufgrund von Materialabrieb im Verlauf der Jahre entzünden und dadurch lockern. Prothesen können aber auch durch ungewöhnliche oder extreme Bewegungen ausrenken. Deshalb müssten Patienten erst lernen, mit ihren neuen Gelenken umzugehen und bestimmte Regeln einhalten.

Kurz nach ihrer Operation denkt Steglich bereits wieder an Gartenarbeit und bewegt sich fast schmerzfrei. Während ihrer dreiwöchigen Rehabilitation in einer Klinik ließ sie sich von der künstlichen Hüfte und möglichen Schmerzen nicht einschüchtern. Und sie freut sich, den Alltag wieder ohne Hilfe meistern zu können. „Ich gehe bereits ohne Krücken einkaufen.“ Bald will sie ins Fitnessstudio. Das Laufband tut ihr gut, sagt sie. Aber alles „in Maßen“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben