Berlin : Oskar Kaufmann: Der Theatermacher

Michael Zajonz

Auch die Baukunst vergißt ihre Könige. Oskar Kaufmann (1873-1956), der "Alleinherrscher des gesamten Theaterbaus", ist selbst Architekten und Theaterfans kein Begriff mehr. Dabei galt der gebürtige Ungar nicht nur als Großmeister dieses Genres. Neben spektakulären Grunewald-Villen und Geschäftshäusern schuf er 1912 am Nollendorfplatz mit dem ersten freistehenden Kino Deutschlands einen typengeschichtlich wegweisenden, völlig fensterlosen Bau. Weniger stilbildend blieb sein Oberlicht, mit dem sich der vom Jahrmarkt emanzipierte Kintopp weiter unter freiem Himmel genießen ließ.

Mit dem Hebbeltheater (1906-08), der Volksbühne (1913/14) und der preziosen Innenausstattung des Renaissancetheaters (1926/27) besitzt Berlin gleich drei von Kaufmanns öffentlich wirksamen Hauptwerken. Dennoch hat die Stadt sein Erbe lange missachtet. Auf die Frage, warum man ihn 1954 nicht zur Neueröffnung der Volksbühne geladen habe, beschied er: "Die wussten wohl nichts mehr von mir." Gerade acht Objekte haben die Zeitläufe so authentisch überdauert, dass sie auf der Denkmalliste stehen. Für Landeskonservator Jörg Haspel ein Grund mehr, die Dissertation der Kunsthistorikerin Antje Hansen in die Reihe der "Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin" aufzunehmen.

Es überrascht nicht, dass Kaufmanns Werk erst jetzt in der Forschung Beachtung findet. Mit dem von Adolf Behne, Siegfried Giedion und anderen Kritikern kanonisierten Modernitätsbegriff wurden Architekten wie Kaufmann früh aus der Architekturgeschichte katapultiert - kein Raum für individuelle Nebenwege beim Siegeszug der "Weißen Moderne". Um es vorwegzunehmen: Die Frage, wie "modern" Kaufmann nun wirklich war, erscheint nach der Lektüre müßig.

Ohne theaterhistorischen Kontext, den das Buch umreißt, geriete das Schaffen der zwanziger Jahre gar unter Kitschverdacht. Kaufmanns Lust am Dekor in "orchideenhafter Farbenwirkung" mag für den an Bauhaus & Co. Geschulten anachronistisch wirken. Doch ist er weder ein verspäteter Historist noch ein verfrühter Postmoderner. Formen und Kompositionsprinzipien des 18. Jahrhunderts verdichten sich zu einem "expressionistischen Rokoko", dessen exklusive Note ohne die Erfahrung von Kino und elektrischer Beleuchtung undenkbar ist.

Zeitgemäß in der Wirkung, konservativ in der Form: Trotz der mit Richard Wagner und Gottfried Semper einsetzenden Reform des Bühnenbaus, die das antike Amphitheater als Vorbild für modernes Massentheater propagierte, beharrt er auf dem Typus des intimen "höfischen" Rangtheaters - selbst für 2000 Besucher! Das weite Rund amphitheatralisch geordneter Sitzreihen erachtet Kaufmann ohnehin als unpassend für die Seelendramen Strindbergs oder Ibsens.

Auch das Habimah-Theater von Tel Aviv (1935-45) zeigt die für Kaufmann typischen, in die Wand eingeschnittenen Ränge. Der früh zum christlichen Glauben Konvertierte emigrierte bereits 1933 nach Palästina. Doch dessen Kultur lag dem Bildungsbürger alteuropäischen Zuschnitts fern. Kurz vor Kriegsbeginn kehrte er nach Budapest zurück und konnte dort nach 1945 noch einiges bauen. Die Studie belegt nun erstmals, dass die Berliner Wurzeln im Spätwerk lebendig blieben.

Julius Posener konstatierte Kaufmanns Schwäche, "den Theaterraum als den Festraum für eine Gesellschaft darzustellen, die es in Wahrheit nicht mehr gegeben hat." Antje Hansen wagt die Gegenthese: Erst wenn man sich von einer kontinuierlichen Entwicklungsgeschichte der modernen Architektur löst, wird die künstlerische Intelligenz des Spiels mit tradierten Formen deutlich. Kaufmanns erfolgreiche "Stimmungsarchitektur" - das sei hinzugefügt - zeigt ebenso, woran es heutiger Baukultur mangelt: Im Vergleich mit ihrem Unterhaltungswert wirkt selbst ein Axel Schultes blass.

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