Ost-Musiker mit bewegter Biografie : Lieb durch Likör

Einst Tischtennismeister, dann Sprüher und Rapper, jetzt Rocker – Hagen Stoll hat schon einiges durch. Jetzt erzählt der Sänger der Band Haudegen in einem Buch vom Aufwachsen im Marzahn der Wendezeit.

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Ich, selbst gezeichnet. Er will nicht wie jeder aussehen, sagt Hagen Stoll, nicht nur ein Teil des Kollektivs sein wie früher in Marzahn. Daher sein Hang zu Tattoos, zur Bühne, zur wilden Vita, zur großen Geste, zum dicken Auto, zum starken Wort.
Ich, selbst gezeichnet. Er will nicht wie jeder aussehen, sagt Hagen Stoll, nicht nur ein Teil des Kollektivs sein wie früher in...Foto: Thilo Rückeis

Oh ja, dieser Mann ist dein Freund. Hagen Stoll klettert aus seiner silbergrauen Sportwagenflunder. Überpünktlich ist er, herzlich das Lächeln, warm der Händedruck und dein Vorname geht ihm schon bei der ersten Begegnung so leicht von der Zunge, als habe er nie einen anderen genannt. Von der anderen Seite der Allee der Kosmonauten gucken Plattenbauten streng auf das Dorfidyll von Alt-Marzahn herüber. Der Laden von Fleischermeister Genz leuchtet rosig in den diesigen Februarnachmittag. Stammgast Hagen Stoll war schon drin. Hackepeterschrippe kaufen. „Darf ich dich zu einer einladen?“, fragt er. Kein Hunger, danke sehr. Er schon, immer noch, er ist ein ganz Hungriger. „Ich hol’ mir noch ein Paar Wiener“, sagt Stoll. Dass er so stabil ist, kommt nicht von ungefähr, grinst er. Als Junge habe er hier immer Würstchen geschenkt bekommen. „Fleischlolli haben wir die Dinger genannt.“

Schöne Schnurre. Die erste von vielen, die Hagen Stoll als Mystifizierer der eigenen Jugend erzählt. Assistiert von Leo G. Linder hat der einstige Jugendtischtennismeister der DDR, einstige Sprüher namens „Razia“, einstige Aggro-Berlin-Rapper Joe Rilla, einstige Kleinkriminelle, einstige Türsteher, einstige Marzahner und jetzige Sänger der Band Haudegen ein Buch verfasst: „So fühlt sich Leben an“. „Keine reine Biografie, sondern eine zeitgeschichtliche Aufarbeitung“, nennt Stoll das bei einer heißen Schokolade im menschenleeren Gasthaus Marzahner Krug, ja sogar „neue deutsche DDR-Trümmerliteratur“. So wie Clemens Meyers Leipzig-Roman „Als wir träumten“, sagt Stoll. Noch so ein Vorzeigeproll mit flammenden Tattoos, literarisch aber doch eine andere Liga. Ein Einwand, der Stoll nicht kümmert. Talent zum Tiefstapeln hat er nicht. Aber Stolz auf „das erste Buch in unserer Arbeiterfamilie“ sein, das schon.

Montagabend stellt Hagen Stoll es gefolgt von einer Akustik-Session mit seiner Band im Hard Rock Café am Ku’damm vor. Der Untertitel – eine ostdeutsche Jugend – ist Programm. Schließlich war sein Alias Joe Rilla vor einigen Jahren als Hip-Hopper für Marzahn das, was Sido im Westen für das Märkische Viertel war: ein Sprachrohr. Und zwar das der Wende-Generation. Für die sei es nicht einfach gewesen, aus dem grauen Osten in den goldenen Westen geschubst zu werden, sagt Stoll, der seiner Liebe zu Statussymbolen mit vier Rädern dran mit zwielichtigen Mitteln frönte.

Hagen Stoll wurde 1975 in Friedrichshain geboren, lebt heute in Treptow und zog 1979 mit den Eltern nach Marzahn. Dort mittenmang aufrechter Sozialisten und ihren aufwärts strebenden Plattenbauten aufzuwachsen, hat ihn mindestens so kräftig wie die Fleischlollis gemacht. „Mein Vater war Grenzsoldat an der Marschallbrücke – das prägt.“ Marzahn wird sein erstes richtiges Zuhause und ist ihm bis heute Heimat geblieben. Die damals noch unfertige Großbaustelle erlebt er als Abenteuerspielplatz, die regelmäßig bei den Eltern zum Metaxa-Trinken einkehrende Nachbarschaft als kuscheliges Hochhauskollektiv. Erst später habe er gemerkt, wie brüchig die Idylle war. „Unsere Nachbarin Frau Pachulke war bei der Stasi.“

Böse Jungs. Vorne hockt Hagen Stoll weiland noch als harter Rapper Joe Rilla. Auf seinem 2007 erschienenen Album „Auferstanden aus Ruinen“ haut er als „Stimme des Ostens“ rein. Jetzt ist er lieb und singt braven Deutschrock.
Böse Jungs. Vorne hockt Hagen Stoll weiland noch als harter Rapper Joe Rilla. Auf seinem 2007 erschienenen Album „Auferstanden aus...Foto: Promo

Überhaupt brechen mit der Wende neue Zeiten für den eher mäßigen Schüler an. „Im Osten wären Armee oder LPG meine beruflichen Alternativen gewesen“, konstatiert Stoll. Nicht so doll für jemanden, der heißen Herzens nach Ruhm und Unsterblichkeit strebt. Da öffnet der Mauerfall ganz neue Universen. Es dauert nicht lange und Stoll interessiert sich weniger für seine Weddinger Stuckateur-Lehre, sondern für die Hip-Hop-Szene samt ihrer in den Neunzigern am gesamtberliner Mauerwerk erblühenden Sprüher-Subkultur. Stolls Revier als polizeibekannter Sprayer Razia wird die S 7 zwischen Alex und Ahrensfelde. Die in Marzahn Anfang der Neunziger wie Pilze aus dem Boden wachsenden Neonazis können Sprüher gar nicht leiden, was auf Gegenseitigkeit beruht. Verfolgungsjagden, Massenkeilereien und später auch Klauereien sind in Stolls Welt Alltag. Selbst die Bullen trauten sich zeitweilig nicht mehr rein nach Marzahn, erzählt er. „Das war ein rechtsfreier Raum und ich war Teil davon. Eine große Seifenblase, wo keiner mehr wusste, was Recht und Unrecht ist.“

Das ist wirklich interessant, aber auch irritierend zu hören und zu lesen. Eine Innenansicht als Abenteuergeschichte aus dem wilden Osten. Eine Kraftmeierei, besonders in den Kapiteln über Stolls Aufstieg im Musikgeschäft oder seine Milieu-Kontakte mit dicker Hose geschrieben. Dann wieder durch Selbstironie und Loser-Episoden gebrochen und mit den Lebensweisheiten eines Hip-Hoppers durchsetzt, wie sie auch die Ehrenkodizes seiner seit 2010 erfolgreichen Rockband Haudegen prägen: Ein Mann ein Wort, sei, wer du bist, fürchte niemand, tu, was du tun musst – so’n Zeug. Mit der durch seinen Lieblingslikör Baileys befeuerten Rapperei hat Stoll übrigens aufgehört, weil er keine Lust mehr hatte, Geld damit zu verdienen auf der Bühne „Fickenscheißedummesau“ zu sagen. Und mit dem Wohnen in Marzahn, weil er Familie bekam. Optisch sei es hier ja inzwischen deutlich angenehmer geworden, findet er, aber sonst? Er zuckt die Schultern. „Du kannst die Platte sanieren, wie du willst, aber nicht die Menschen dahinter. Schau mal den Leuten ins Gesicht: da siehst du Traurigkeit.“ Trotzdem kommt er weiter gern her. Mit seinen Kindern die Bockwindmühle besuchen. Bei Genz Rouladen kaufen. Der Jugend nachfühlen. Die Fleischlolli-Heimat sehen.

Hagen Stoll: So fühlt sich Leben an, Heyne Verlag, 12,99 Euro, Lesung: Hard Rock Café, Kurfürstendamm 224, Charlottenburg, Mo 25.2., 22 Uhr, Eintritt frei

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