Berlin : Ost und West. Nicht Schwarz und Weiß

Klaus Kordon ist 1973 aus der DDR geflüchtet. Jetzt hat er auf fast 800 Seiten aufgeschrieben, wie es dazu kam.

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Von Rolf Brockschmidt

Wer soll das alles lesen? Klaus Kordon hat seinen Roman überarbeitet und überarbeitet und immer wieder gekürzt, insgesamt acht Mal. Dann hat ihm der Lektor gesagt, dass es noch etwa 200 Seiten zu viel seien. Jetzt hat der Autor seinen neuen Roman „Krokodil im Nacken“ vorgestellt, ein Buch dick wie ein Backstein, vier Seiten unterhalb der magischen Grenze von 800 Seiten. Was ist das für ein Stoff, der einen Schriftsteller so umtreibt, dass die Geschichten und Anekdoten nur so sprudeln? Das Projekt ist fast 30 Jahre alt. „Ich wusste damals, 1973, nach meiner Ausreise aus der DDR, dass ich das irgendwann einmal alles aufschreiben werde“, erzählt Kordon.

Der 30-jährige Manfred Lenz – so nennt sich Kordon im Text – sitzt im Hohenschönhausener Stasiknast in Einzelhaft wegen versuchter Republikflucht und denkt über sein Leben nach. „Der Zug steht still“, sollte der Roman erst heißen, der Zug des Lebens, der im Gefängnis wie auf freier Strecke einen ungewollten Halt einlegt. Man schaut aus dem Fenster und sieht sein Leben Revue passieren. Kordon wechselt wie in filmischen Rückblenden immer wieder in seine Kindheit und Jugend und schildert so, wie er wurde, was er ist. „Ich wollte keine Memoiren schreiben, denn dann fängt man an, sich zu verteidigen“, sagt Kordon. Die dritte Person gibt dem Autor die nötige Freiheit, Dinge zu straffen und zu verfremden.

Kordon liest eine kurze Passage aus der Einzelzelle, die so dicht geschrieben ist, dass der Zuhörer unwillkürlich meint, das klaustrophobische Erlebnis nachvollziehen zu können. Und Kordon liest Szenen aus der Kneipe seiner Mutter in Prenzlauer Berg. Eine wichtige Station, denn hier lernt der 1943 Geborene recht früh, was Wirklichkeit, was Lüge ist. Er sieht den ehemaligen SS-Mann und den jüdischen Schneider am Stammtisch sitzen, er sieht die Widersprüche zwischen dem, was geschehen ist, und dem, was erzählt wird. Er bewegt sich bis zum Mauerbau zwischen Ost und West, lernt den Kalten Krieg von beiden Seiten kennen, sieht die Propagandawochenschauen und hat irgendwie das Gefühl, dass die Wahrheit niemand gepachtet hat.

„Letztendlich habe ich hier auch ein wenig die Geschichte der DDR aufgeschrieben“, sagt Kordon, „denn ich habe diesen Staat aus unterschiedlichsten Perspektiven kennen gelernt.“ Er war nach dem Tod der Mutter im Kinderheim auf der Insel der Jugend, er war Arbeiter, Soldat, Student, Kaufmann, „Reisekader“ im Export, eine DDR-Karriere, die dennoch im Gefängnis endete: Als er in seiner Firma gezwungen wurde, ein Loblied auf die Niederschlagung des Prager Frühlings zu singen, kam es zum Bruch. Das schlechte Gewissen, Kordon nennt es „das Krokodil“, sitzt ihm im Nacken. In Bulgarien ist er dann mit Frau und Kindern verhaftet worden. „Im Gefängnis habe ich mein Land wirklich kennen gelernt, und von da an wollte ich nur noch weg.“

Kordon legt Wert darauf, dass sein Roman nicht als reine DDR-Geschichte gelesen wird, es war immer auch der Westen im Spiel, Schwarz-Weiß-Malerei liegt ihm nicht. „Es ist spannend, in einer Stadt zu leben, in der zwei Welten aufeinander treffen", sagt er , „es war eine interessante Kindheit.“

Klaus Kordon: Krokodil im Nacken. Beltz & Gelberg, 19,90 Euro, ab 12 Jahren.

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