Ost-West : DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel tot

Er vermittelte zu DDR-Zeiten den Freikauf von tausenden Häftlingen und Kindern. Die Bundesregierung blätterte dafür Milliarden West-Mark hin. Er selbst soll Honorare in Millionenhöhe kassiert haben. Später wurde ihm die Erpressung ausreisewilliger DDR-Bürger vorgeworfen.

Wolf-Rüdiger Neurath[ddp]
wolfgang vogel
Wolfgang Vogel mit seiner Frau Helga auf dem Weg in den Gerichtssaal Berlin-Moabit im Jahr 2003. -Foto: dpa

SchlierseeAls eine der wohl schillerndsten und widersprüchlichsten Figuren im geteilten Deutschland hat der frühere Ostberliner Rechtsanwalt und Notar Wolfgang Vogel Karriere gemacht. Während des Kalten Krieges zwischen Ost und West erwarb sich der agile Jurist den Ruf eines Spezialisten für diskrete Aufträge - auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs gleichermaßen geachtet und hofiert. Über sich selbst und sein Wirken als Makler zwischen den Blöcken sagte Vogel einst: "Meine Wege waren nicht weiß und nicht schwarz. Sie mussten grau sein - anders ging es nicht. Ich wollte Anwalt der Menschen zwischen den Fronten sein."

Nach dem Mauerfall kam für Vogel ein steiler Absturz. Der Anwalt geriet selbst in die Mühlen der Justiz. In Ermittlungsverfahren wurde er mit immer neuen Vorwürfen konfrontiert - von Steuerhinterziehung bis Erpressung ausreisewilliger DDR-Bürger, von Meineid bis Urkundenfälschung. Der Anwalt wurde mehrfach in Untersuchungshaft genommen und musste sich als Angeklagter vor Gericht verantworten. Rechtskräftig verurteilt wurde er aber lediglich wegen Meineides und Urkundenfälschung.

Freikauf von 33.755 Häftlingen der DDR vermittelt

Von Anfang 1956 an beschritt Vogel rund dreieinhalb Jahrzehnte seine "stillen Wege", hatte Kontakte mit Geheimdienstleuten und Regierungsvertretern aus Ost und West. DDR-Partei- und Staatsschef Erich Honecker machte ihn zum "persönlichen Beauftragten des SED-Generalsekretärs und Staatsratsvorsitzenden in humanitären Angelegenheiten". Mit Vogels Hilfe kehrten insgesamt rund 150 im Gefangenschaft geratene Spione aus 23 Ländern heim.

Darunter waren so prominente Namen wie Kanzleramtsspion Günter Guillaume und der Maulwurf des sowjetischen KGB in der Gegenspionage des Bundesnachrichtendienstes, Heinz Felfe. Vogel organisierte 1962 den Austausch des amerikanischen U2-Spionagefliegers Francis Gary Powers gegen den in den USA verurteilten Sowjetagenten Rudolf Abel auf der Glienicker Brücke zwischen Berlin und Potsdam. Als der Anwalt am 11. Februar 1986 in seinem goldfarbenen Mercedes erneut auf der Brücke vorfuhr, wurden 25 Westspione gegen vier Häftlinge aus den USA ausgetauscht.

Seit 1964 vermittelte Anwalt Vogel den Freikauf von 33.755 Häftlingen der DDR durch die Bundesregierung. Außerdem ermöglichte er, dass im Rahmen der Familienzusammenführung 215.019 Menschen, vor allem Kinder die DDR verlassen durften. Die Bundesregierung blätterte dafür im Lauf der Jahre insgesamt mehr als 3,5 Milliarden von der DDR dringend benötigter harter Westmark hin. Auch für den Anwalt selbst sollen dabei Honorare in Millionenhöhe abgefallen sein.

Prominente Zellen-Besucher

Gerade solche ehemaligen Mandanten haben dem Anwalt Vogel nach der Wende viele Demütigungen eingebrockt. Weil sie vor der Ausreise in den Westen ihre damals in der DDR wertlosen Grundstücke opfern mussten, warfen sie dem Anwalt Erpressung vor. Das hat ihn auf die Anklagebank gebracht und ihm Untersuchungshaft eingetragen. In der Zelle empfing er prominente Besucher wie Ex-Kanzler Helmut Schmidt (SPD), der ihm Selbstbetrachtungen des römischen Kaisers und Philosophen Marc Aurel mit der Bemerkung übergab: " Diese Gelassenheit müssen sie sich auch hier drin bewahren."

Der am 30. Oktober 1925 im schlesischen Wilhelmsthal als Sohn eines Volksschullehrers geborene Wolfgang Vogel arbeitete nach seinem Jurastudium Anfang der 50er Jahre zunächst im DDR-Justizministerium. Im März 1954 ließ er sich als in Ostberlin als Anwalt nieder, drei Jahre später wurde er auch an Gerichten im Westteil der Stadt zugelassen.

Zu seinen ersten Fällen gehörten die Verteidigung einer Hure, die wegen Beischlafdiebstahls an einem sowjetischen Offizier angeklagt war, und eines ehemaligen KZ-Arztes, der unerkannt in der DDR praktiziert hatte. Später konzentrierte er sich ganz auf Ost-West-Verfahren. Im Juni 1991 verzichtete er auf seine Anwaltszulassung. Seinen Lebensabend verbrachte Vogel im oberbayrischen Schliersee. Dort starb er am Donnerstag im Alter von 82 Jahren.

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