Ost-West-Verbindung : Holocaust-Mahnmal wird zur Insel im Verkehr

In zwei Wochen beginnen die Bauarbeitenfür die westliche Verlängerung der Französischen Straße. Im Dezember soll die neue Ost-West-Achse fertig sein.

Lothar Heinke
268293_0_e90b3144.jpg

Die Idee kam kurz nach dem Mauerfall. Seit 1992 geistert sie durch Planungsämter, Sitzungssäle und diverse Gremien. Einige Senatoren bekamen darüber graue Haare. Jahrelang fehlten das Geld, die Argumente und der gute Wille. Nun aber kann es losgehen: In zwei Wochen beginnen die Arbeiten für die westliche Verlängerung der Französischen Straße über die Mauerstraße hinweg bis zur Wilhelmstraße. Dann fährt man geradewegs durch die Hannah-Arendt-Straße zur Ebertstraße. Im Dezember soll die Ost-West-Verbindung fertig sein.

„Der Verkehr wird damit im Bereich der Friedrichstadt flotter und flüssiger“, sagt Katrin Vietzke, die Projektleiterin in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. „Außerdem: Mit der Leipziger Straße gibt es praktisch nur eine gradlinige Ost-West-Verbindung. Die ,Französische‘ wäre die zweite – und auf jeden Fall nötig für den eventuellen Fall, dass die Behrenstraße wegen der Sicherheitslage an der Amerikanischen Botschaft gesperrt werden muss.“

Bereichsleiter Henrik Vierarm und Koordinator Hartmut Rauhut entrollen die Baupläne für das 180 Meter lange und zehn Meter breite Straßenstück, für das eine halbe Million Euro Baukosten vorgesehen sind, zwei Drittel davon zahlt der Bund, den Rest das Land Berlin. Dafür entsteht eine Asphaltpiste mit vier Spuren, also eine Fahr- und eine Parkspur in jede Richtung. 34 Bäume werden gepflanzt, zudem gibt es auf beiden Seiten Straßenlaternen. Und Gehwege. Die Einfahrt zur Wilhelmstraße wird durch eine neue Ampel geregelt. „Wir sind froh, dass endlich gebaut wird“, sind die beiden sich einig. Die Straße entlaste auch die „Linden“, man kann gen Osten bis zur Breite Straße durchfahren, in umgekehrter Richtung quer durch die Ministergärten, am Holocaust-Mahnmal vorbei, zur Ebertstraße und von dort zum Potsdamer Platz, in den Tiergartentunnel oder in die Straße des 17. Juni.

Das Stelenfeld liegt künftig wie eine Insel im Straßenverkehr. Für Uwe Neumärker, Geschäftsführer der Mahnmal-Stiftung, ist das kein Problem: „Die Verbindung ist wichtig, vor allem für den Fall, dass die Behrenstraße gesperrt werden sollte.“ Er schlägt vor, Zebrastreifen anzulegen, damit die Besucher gefahrlos auf das Gelände kommen.

 Die künftige Trasse ist noch von einem Bauzaun umgeben: Das benachbarte Verbraucherschutzministerium wurde durch einen Anbau vergrößert, für das neue Stück Straße bleibt genügend Platz. Während der Bauarbeiten bleibt der Fußgänger-Durchschlupf von der Mauer- zur Wilhelmstraße erhalten, die Terrasse muss allerdings weichen. Direkt an der Straße liegt dann der Eingang zum Informations- und Dokumentationszentrum der Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, jenem Museum, das seinen Besuchern die Schnüffel- und Zersetzungsarbeit der DDR-Tschekisten vor Augen führt. Hier war früher die „Zentrale Traditionsstätte der Deutschen Volkspolizei“, nebenan ein Ärztehaus und das großräumige DDR-Innenministerium mit einem überdachten Verbindungsweg über die Französische Straße. „Seufzerbrücke“ nannten das die Berliner einst, und sie machten sich über eine Plastik lustig, die im Stil des sozialistischen Realismus einen Volkspolizei-Abschnittsbevollmächtigten im Gespräch mit zwei Werktätigen zeigt. Das Bronzewerk neben dem Eingang zur Stasi-Ausstellung bleibt eisern, wo es ist.

Ausbau und Weiterführung der Französischen Straße waren jahrelang umstritten, da vor allem einige Bewohner der angrenzenden Wilhelmstraße und die Mitarbeiter der Landesvertretungen Lärm und Abgase fürchteten und sich die damalige PDS ihrer Sorgen angenommen und gegen die Straße votiert hatte. An der Hannah-Arendt-Straße erhielten die Wohnungen Schallschutzfenster. Die Straße hat sich bewährt, kundige Taxifahrer nutzen sie als Schleichweg und Abkürzung, Touristenbusse als Parkraum, wenn sie am Holocaust-Mahnmal Station machen. Die neue Trasse berührt bis auf ein Eckhaus nur Verwaltungsbauten an der Mauerstraße.

0 Kommentare

Neuester Kommentar