Ostbezirke : Grenzenloser Wandel in Treptow

Treptow steht heute für Zukunft, Wissenschaft, Forschung. Ein Ortschronist kann das bezeugen, eine Historikerin gibt Relikten der Teilung einen neuen Sinn.

Daniela Martens

Irgendwann war sie einfach da, mitten in Rudi Hintes „Heimatstube“ unterm Dach der alten Schule in Adlershof, abgegeben von irgendjemandem: eine braune Tonflasche mit der Aufschrift der Chemiefirma Kahlbaum. Stummer Zeitzeuge einer Ära, in der Adlershof ein industrielles Zentrum war. Er hat sie zu den anderen Kuriositäten aus vergangenen Tagen gestellt, die er in der „Stube“ aufbewahrt: zum Stoffwimpel des „Spar-Vereins arme Stümper“, zum Blechschild vom „Kabelwerk Adlershof – German Democratic Republic“. Zu jedem seltsamen Ding hat Rudi Hinte eine Geschichte zu erzählen. Er dokumentiert die Vergangenheit des Stadtteils. Der 80-Jährige ist der Ortschronist von Adlershof.

Er veranstaltet Führungen und hat zwei Geschichtsbücher geschrieben, und er kennt sich auch in der Gegenwart und in den anderen Teilen des ehemaligen Bezirks Treptow bestens aus, schließlich lebt er dort seit genau 80 Jahren: zuerst in Niederschöneweide, dann in Alt-Glienicke, Johannisthal und Treptow, später zog er nach Adlershof. Dort war sein Arbeitsplatz: Der „Landkartentechniker“ wurde Direktor des Zentralen Instituts für Physikalische Chemie.

Damit ist es seit 17 Jahren vorbei. Am Tag, an dem Deutschland wieder ein Land wurde, begann für Rudi Hinte offiziell ein neues Leben – nicht nur, weil es plötzlich nicht mehr in der DDR stattfand. Der 3. Oktober 1990 war der erste Tag seiner „Invalidisierung“. Frührente. „Am Ende der DDR-Zeit war der Ort hier ziemlich heruntergekommen“, sagt Rudi Hinte. Und nach der Wende hätten viele Menschen in Adlershof ihren Arbeitsplatz verloren – zum Beispiel im Kabelwerk. Der Mann und der Ort fanden neue Lebensinhalte. „Nach der Wende war das hier nach dem Regierungsviertel die größte Baustelle Berlins. Alles wurde schnell saniert.“ Und noch immer kommt man an vielen Baustellen vorbei, wenn man die Dörpfeldstraße entlanggeht – von Rudi Hintes Stübchen zur Kreuzung am Bahnhof. Zwischen Absperrgittern, Sand und Maschinen findet man kaum den Weg. „Die Kreuzung war lange einer der schlimmsten Abgas-Orte in Berlin.“ Wenn die Umgehungsstraße fertig sei, werde das endlich anders – und Adlershof nicht mehr nur ein „Durchfahrtsort“, meint Rudi Hinte und seine Hände machen dabei große Gesten, fast Gebärdensprache.

Viele Adlershofer sind nach der Wende weggezogen, dafür kamen neue Bewohner: Die naturwissenschaftlichen Institute der Humboldt-Universität mit Studenten und Professoren. „Ich war wirklich froh, dass es weiterging mit dem Wissenschaftsstandort.“ Und auch die chemische Industrie habe sich ordentlich weiterentwickelt: „Die hat hier ja auch Tradition“, sagt der Mann mit der Goldrandbrille und zeigt noch einmal auf die Tonflasche. Eine alte Kamera werde er demnächst auch für seine Sammlung bekommen. „Und Überbleibsel aus dem Sandmännchenstudio.“ Da wird sein stets freundliches Lächeln noch eine Spur intensiver. Auch die Adlershofer Fernsehstudios sind eine Fortsetzungsgeschichte geworden. Mit Stolz erzählt er, dort sei jetzt der Arbeitsplatz von Moderatorin Anne Will. Und Kanzlerduelle hätten da auch schon stattgefunden.

Der Ortschronist denkt positiv. Nur dass die „Geschäftswelt hier sehr umgestaltet worden ist“, stört ihn ein bisschen. Er findet, es gibt zu viele Blumengeschäfte, Dönerbuden und Apotheken, aber kaum noch Läden, wo er etwas zum Anziehen findet. Nur noch drei bis vier Mal im Jahr verlässt er seinen Lebensmittelpunkt Adlershof. Besonders gern fährt er zum Treptower Park, um spazieren zu gehen oder im „Zenner“ zu essen. Seinen letzten Geburtstag hat er dort gefeiert. So schön das Fest war, wenn er an die Gegend denkt, wird er wehmütig. „Die Gaststätte nebenan ist abgerissen, das Eierhäuschen nur noch eine Ruine und der Vergnügungspark verfällt. Früher war da so viel los.“ Dass Burger-King einen Teil des „Zenner“ gepachtet hat, stört ihn noch am wenigsten. „So lang die Leute da sitzen . . .“ Daniela Martens

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