Berlin : Ostermarsch: Wohin flattert die Friedenstaube?

Christoph Stollowsky

Hoch auf dem Lautsprecherwagen hockt die Friedenstaube aus Pappmaché. Aufgeplustert, den Hals gereckt, ein stattlicher Vogel, scheinbar zum Abflug über sein Gefolge bereit. Das wirkte gestern vor dem Brandenburger Tor allerdings übertrieben, hatten sich doch nur rund 300 Anhänger der Friedensbewegung zum traditionellen Ostermarsch versammelt. Mütter mit Kindern, alte Menschen, Jugendliche - Buttons am Parka, selbstgebastelte Wimpel am Rad, Pappschilder in den Händen. "Frieden schaffen ohne Waffen". Bilder wie vor zwanzig Jahren, als der Nachrüstungsbeschluss Hundertausende auf die Straße brachte. Doch aus der Ferne betrachtet sahen die Demonstranten gestern eher wie eine mit drei Bussen angekarrte Touristengruppe aus.

Zwei Stunden lang zogen sie am Nachmittag durch Mitte zur Abschlusskundgebung am Alex. "Friedlich", wie die Polizei meldete - aber mit Protestgesängen und Parolen gegen Gewalt in jeder Form. Gegen die "Aufrüstung der Bundeswehr zur Eingreiftruppe", gegen Rassismus, Ausgrenzung von Ausländern, gegen die Unterdrückung im Irak, die "Schließung des Krankenhauses Moabit" und gestrichene Sozialhilfe. Selbst manchen Ostermarschierern war diese Bandbreite suspekt. "Ist das ein Ausdruck unseres Dilemmas?", fragte einer. "Je weniger Teilnehmer, um so mehr Protestziele."

Wohin flattert die Friedenstaube? Bereits im Vorfeld des Ostermarsches hatte ihre Orientierungslosigkeit ein wenig Zank gebracht. Vor allem die PDS ging auf Distanz, weil ihr der Berliner Aufruf zu "verquast formuliert" und zu undifferenziert erschien. "Es wird gegen alles und jeden demonstriert", so PDS-Landeschefin Petra Pau. Deshalb verweigerten die Demokratischen Sozialisten ihre Unterschrift und schickten ihre Anhänger vorrangig zum Marsch gegen das geplante Bombodrom auf der "Freien Heide" bei Wittstock. Und der Hauptredner der Abschlusskundgebung Rolf Wischnath sagte aus ähnlichen Gründen ab. Wischnath ist Generalsuperintendent von Cottbus und Vorsitzender des "Bündnisses gegen Gewalt in Brandenburg".

Die "Berliner Friedenskoordination" focht das nicht an. Seit rund zwanzig Jahren veranstalten mehr als 30 Organisationen unter ihrem Dach den Berliner Ostermarsch. Kirchliche Arbeitskreise gehören dazu, "Mütter gegen den Krieg", die Sozialistische Jugend "Die Falken", das "Antidiskreminierungsbüro".

Und manche Friedensmarschierer sind von Beginn an dabei. Zum Beispiel die 68jährige Lehrerin Regina Aram aus Wilmersdorf. "Unsere Sache ist doch der Frieden", sagt sie, "den fordern wir überall ein, wo Gewalt beginnt - ob in der Sozial- und Ausländerpolitik oder im Kosovo". Für Regina Aram ist nach dem Ende des Kalten Krieges das Ende der Friedensbewegung noch lange nicht in Sicht. Zumal sie weiß, dass erneut viele mit ihr auf die Straße gehen werden, "kaum rückt die Bedrohung wieder näher." Das war vor zwei Jahren so, als Nato-Bomben auf Belgrad fielen. Plötzlich kamen Zehntausende zum Berliner Ostermarsch.

Gestern blieben die meisten wieder daheim. Doch auch Laura von Wimmersperg, die 66jährige Sprecherin der Friedenskoordination, bleibt kämpferisch. "Kriege", sagt sie, "bringen nichts ein. Das haben Sie doch im Kosovo gesehen."

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