Ostern aus kirchlicher Sicht : Glauben – trotz allem

Der Sinn des Osterfestes: Eine kirchliche Betrachtung von Franziskanerpater Clemens Wagner.

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Lichtblick. Pater Clemens Wagner feierte Sonntag schon früh um 5 Uhr in der St. Ludwig-Kirche die Osterliturgie.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

„Als ich deinen Gott gebraucht habe, war er nicht da!“ Alle Vorwürfe, die sich in Worte fassen lassen, liegen in diesem Satz. Hannes redet nicht um den heißen Brei herum. Seit er von seiner HIV-Infektion weiß, nimmt er kein Blatt mehr vor den Mund. Und einem Priester gegenüber schon gar nicht. Als katholischer Part der ökumenischen AIDS-Initiative „Kirche positHIV“ treffe ich Menschen wie Hannes, der eigentlich gar nicht so heißt. Ein junger Sportler erzählte mir von seiner Beinverletzung, die er sich vor ein paar Jahren beim Snowboarden zugezogen hat. Jetzt kann er nur noch humpeln. Die Behinderung hat sein Leben verändert.

„Als ich deinen Gott gebraucht habe, war er nicht da!“ Gottverlassenheit hat einen Namen. Fromme Sprüche sind jetzt genauso fehl am Platz wie der Satz: „Es wird schon wieder!“ Ich kann nicht ausweichen und muss Farbe bekennen. Muss zugeben, dass ich keine Antwort weiß.

Nicht erst seit den Missbrauchsvorwürfen gegen Priester wenden sich Menschen von der Kirche ab. Frustriert, enttäuscht, desillusioniert. Sie wollen nichts mehr mit denen zu tun haben, die nur reden. Die nicht leben, was sie von anderen erwarten und verlangen. Für viele ist Ostern nur ein freier Tag, an dem ich Schokoladeneier suche und hoffentlich rechtzeitig finde. Doppelbödigkeit und Verlogenheit gibt es auch in der Kirche. Über alle Konfessionen und Bekenntnisse hinweg: Kirche setzt sich zusammen aus Menschen, die nicht perfekt sind. Von einer „Kirche der Sünder“ schrieb kürzlich der Berliner Kardinal Georg Sterzinsky in seinem Hirtenbrief zur österlichen Bußzeit. Gleich nach der Messe, in der ich diesen Brief vorgetragen hatte, kam jemand zu mir und fragte mich: „Wenn diese Kirche eine Kirche der Sünder ist – warum hat sie dann keinen Platz für die, die ihrer Meinung nach Sünder sind? Für die Schwulen und Lesben? Für die, deren erste Ehe zerbrochen ist und die wieder geheiratet haben?“ Solche Sätze machen mich nachdenklich und betroffen. Und trotzdem bin ich gerne ein Vertreter dieser Kirche.

Ostern ist für mich einer der schönsten Tage des Jahres. Nicht bloß, weil ich Ostersonntag um fünf Uhr in einer anfangs nur von der Osterkerze erhellten Kirche mit anderen Menschen die Liturgie feiern darf, sondern weil Ostern für mich ein Lichtblick ist. Einer, der hilft, den Karfreitag davor richtig einzuordnen, jenen Tag, an dem des Todes Jesu am Kreuz gedacht wird, nicht als Schlusspunkt zu sehen. Einer, der trotz aller Gottverlassenheit nicht aufgeben lässt. Und mir vor Augen zu halten, dass auch Jesus die Gottverlassenheit erfahren hat und zweifelt und verzweifelte. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ hat der sterbende Jesus am Kreuz geschrien. Hat Jesus die Frage gequält, ob alles umsonst war?

Entscheidend ist für mich, was er nach seinem „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ sagt: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist.“ Glaube gegen allen Unglauben, gegen alle Verlassenheit, sogar gegen alle Zweifel. Das ist ein Gottvertrauen, von dem ich mir nur ein klein wenig wünsche, wenn ich nicht mehr weiter weiß.

Ostern gibt es nicht ohne Karfreitag. Ohne jene Gottverlassenheit gibt es kein Auferstehungsfest. Gott fordert uns heraus – nicht nur seine Vertreter auf Erden, sondern alle, die an ihn glauben. Gott erinnert uns daran, dass Menschen die Kirche nicht zugrunde richten können, weil Christus ihr Haupt ist. Er schwebt nicht als weltentrückter Gott über allem. Er steht uns bei trotz allem, was Menschen einander antun können. Und er steht nicht nur einer Elite bei, die meint, Gottes Nähe besonders verdient zu haben. Ausgerechnet jene sind Jesus wichtig, die in den Augen anderer bei Gott schlechte Karten haben: Ausgegrenzte, Ausgestoßene, Abgelehnte.

Christen feiern zu Ostern, dass Jesus nach seinem Tod am Kreuz auferweckt wurde von seinem Vater. Sie hoffen, dass auch ihnen einmal neues Leben geschenkt wird. Nicht, weil sie so fromm, so toll sind, sondern weil Gott zu ihnen „Ja“ sagt. Weil er sie nach seinem Bild gedacht und gemacht hat – genau so, wie sie sind: als Menschen mit all dem, was Menschsein ausmacht.

Gott ist niemand, der immer tut, was Menschen erwarten. Das lässt mich unsicher werden und zweifeln. Stein des Anstoßes ist und bleibt nicht nur Hannes für mich. Stein des Anstoßes ist und bleibt nicht nur das Fehlverhalten anderer – ob in der Kirche oder außerhalb. Stein des Anstoßes ist und bleibt für mich ein Gottessohn, der Gottverlassenheit erlitten und immer noch geglaubt hat. Verrückt? Lächerlich? Unglaublich? Das lässt sich weder erklären noch erzwingen. Ich darf es mir schenken lassen von einem Gott, der mich nicht vergisst. Der mir näher ist, als ich manchmal meine und sogar glauben kann.

Clemens Wagner ist Franziskanerpater in St. Ludwig am Ludwigkirchplatz

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