Berlin : Ostern: Das Fest setzt das Leben in einen neuen Blickwinkel

Hartmut Scheel

Goethes berühmter Osterspaziergang ist ein reines Frühlingsgedicht: "Jeder sonnt sich heute so gern. / Sie feiern die Auferstehung des Herrn". Die deutsche Sprache transportiert mit der Bezeichnung "Ostern" die Erinnerung an ein altes germanisches Frühlingsfest. Und in der Tat wird das in diesen Tagen wahrgenommen: Neue Knospen und erste Blüten sprechen von neuem Leben in der Natur, die zuvor den Winter zu überdauern hatte. Das hat hohe Symbolkraft. Die Ostersymbolik und der Osterschmuck arbeiten mit dieser Parallelität von Frühlingserleben und Auferstehungsgeschichte.

Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich so gut ist, denn wer das "immer Wieder" feiert, kauft auch das zwischenzeitliche Vergehen mit ein. Wer das Werden in der Natur hochhält und feiert, wird vom Verfall immer wieder eingeholt: Die jetzt neu Blätter bildenden Bäume werden diese rechtzeitig im Herbst wieder abwerfen. Was wir jetzt hoffnungsfroh begrüßen, wird uns dann als Laub mit dem Entsorgungsproblem oder doch zumindest mit mühseliger Arbeit belasten. In jedem Anbeginn steckt schon das Ende. Natürlich: trotzdem ist das ein Grund zum Feiern. Der Frühling ist schön, und niemand ist die Freude am Wachsen, Werden und Blühen zu vermiesen. Das Werden hat seine Zeit und das Vergehen.

Anders als beim Weihnachtsfest, für das man reichlich spät ein passendes Symbol trächtigen Termin gesucht hat, haben wir für das Osterfest keine Wahl: Das Osterfest bezieht sich auf Ereignisse, die nun einmal in einer Zeit stattgefunden haben, in der bei uns Frühling ist: Ein hinterlistiger Justizmord aus niederen religiösen oder auch höheren, übergeordneten politischen Gründen - und man fragt sich, welche Gründe von denen vorgeschützt waren. Sicher ist: Da wehren sich Etablierte gegen Beunruhigung, gegen Infragestellung ihres Systems, dessen sie sich scheinbar nicht sicher sind. Da wehren sich Vertreter des "Es war schon immer so!" gegen den Aufbruch zu neuen Ufern. Da wehren sich Ängstliche gewaltsam gegen neue Hoffnung. Sie setzen sich fast mühelos durch gegen den Aufbruch, stoßen auf keinen nennenswerten Widerstand.

Ostern ist das höchste Fest der Christenheit: Angesichts des viel populäreren Weihnachtsfestes muss das immer wieder in Erinnerung gebracht werden: Ohne Ostern gäbe es die anderen Feste nicht, und die Geschichten dieses Menschen Jesus aus Nazareth dort unten wäre, wenn überhaupt noch in der Erinnerung, eine kuriose Episode am Rande der Weltgeschichte. Aber die Anhänger dieses schmählich Hingerichteten, dieses offensichtlich Gescheiterten machen die Erfahrung: Gott selbst greift ein. Erzählt werden ein paar Merkwürdigkeiten um das Grab und - wichtiger - neue, unerklärliche Begegnungen mit dem doch Ermordeten und hastig Begrabenen. Die Folgerung: Unsere Hoffnungen sind nicht gescheitert, sondern bekommen nun erst recht Grund. Zu Ostern wird sozusagen in ganz neuer universaler Qualität in Kraft gesetzt, was das Leben dieses Menschen Jesus von Nazareth ausgemacht hat. Ohne diese österliche Qualität gäbe es keine Gemeinde, Kirche, keine Christen - und kein Abendland. Denn hier wird Gott erfahren, der sich so auch mit unserem Leben befasst. Leben verschwindet nicht am Ende in einem Nichts, sondern wird aufgefangen von dem, der sich hier als Herr über Leben und Tod erwiesen hat. Werden und Vergehen würde das Leben in den Bann des Todes ziehen, den es bestenfalls hinzuhalten gilt, dem aber niemand entrinnen kann. Das Leben ist nun aber nicht mehr Werden und Vergehen, sondern Bleiben.

Ostern setzt Leben in einen neuen Blickwinkel. Das wird gefeiert. Leben als ein Ganzes, als eine Geschichte. Nicht mehr Wachsen und Verfallen - und der Versuch, möglichst viel möglichst lange zu retten, zu halten. Sondern allen Menschen mit gutem und bleibendem Grund sagen zu können: Hier bist du Mensch, hier darfst du sein! Nicht weil mal wieder die Sonne scheint. "Des Volkes wahrer Himmel" (wieder Goethe) kann ein fürchterliches Trugbild sein. Sondern weil Gott diese eine Geschichte stellvertretend für alle Geschichten im Scheitern versinken lässt. Niemand kommt in die Not, sich rechtfertigen zu müssen dafür, dass er noch oder dass er überhaupt da ist. Wo Menschen überhaupt die Frage gestellt werden kann, ob sie nicht eine Last oder wozu sie denn noch gut seien, ist es mit unserer Menschlichkeit nicht weit her. Was wir aus der Perspektive eines Jugendkultes als Verfall sehen, ist Leben. Was uns als autonome und aufgeklärte Menschen als defizitäre Existenz erscheint, ist Leben. Kinder sind nicht das, was aus ihnen werden könnte. Senioren nicht nur das, was sie einmal waren. Behinderte nicht eingeschränkte, sondern ganze Menschen. Schmerzen gehören zum Leben und hilflose Menschen bleiben in all ihrer Hilflosigkeit doch Menschen, die nie einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterworfen sind, sondern wenn, dann Herausforderung unserer Humanität. Und am Ende sind dann Friedhöfe ein Ort des Friedens, nicht Ort verzweifelter Entsorgung. Wenn die Botschaft dieses Festes auch auf dem Friedhof trägt, dann ist sie verstanden. Dann kann Ostern wirklich als Ostern gefeiert werden.

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