Berlin : Ostern zwischen Pflaster und Strand

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Als eine blonde Frau kurz vor 13 Uhr auf dem Pariser Platz „Hier ist die Demo, alle mitkommen“ rief, kicherten die Touristen. Die mutigen machten ein Foto von dem roten Schirm, auf dem „Gegen Hartz IV“ steht, die anderen flüchteten sofort.

Es war ein sonniger Ostermontag in Berlin, ein wunderbarer Tag für einen Ostermarsch, und es hätte also voll sein können, doch es wurden nur 700 gezählt.

Es sei wohl so leer, sagten zwei Rentnerinnen, weil in diesem Jahr die eindeutige Botschaft fehle. Als es gegen den Irakkrieg ging, waren mehr Leute gekommen. Das solle jetzt natürlich nicht heißen, dass sie einen Krieg wollten. Sie beklagten außerdem das Durcheinander. Es gab viele Megafone und viele Parolen diesmal. Die HartzIV-Montagsdemonstranten haben sich dem Friedensmarsch angeschlossen, zwischendurch dominierten sie ihn auch mit ihren Schlachtgesängen, den Trommeln und dem offenen Mikrofon, in das ein Dieter nervös brüllte, dass die Politik von Autokanzler Schröder armselig sei und dass die Dunkelziffer der Arbeitslosen sechs Millionen betrage, aber da riefen die anderen „acht!“ und Dieter wehte sein Manuskript weg.

Für die Aktivistin Ursula Peters war das Bombodrom der Grund. Die Leute seien halt noch in der Kyritz-Ruppiner Heide, und deshalb sei es leer in Berlin. Wobei leer nicht stimmte: Unter den Linden gingen viele Touristen und Berliner an der Demo vorbei, andere zogen das gerade eröffnete Strandbad Wannsee den Parolen vor. Sie hörten nicht, wie ein Verdi-Mann von Absatzprognosen und kostengünstigerem Produzieren sprach; wie ein Einzeldemonstrant in sein Privatmikro brüllte, dass die Regierung mit ihren Zwangsarbeitsplänen gesetzeswidrig sei; wie die Hartz-Gegner sangen: 1,2,3,4 – auch am Ostermontag demonstrieren wir. 5,6,7,8 – das Hartz-Gesetz wird platt gemacht und so fort. Ins offene Mikro rief einer, niemand solle mehr als 7200 Euro verdienen. Dass sei noch zu viel, brüllte ein anderer. Den Friedensdemonstranten schien die schlechte Show nicht gerecht zu werden, aber die haben offenbar ein dickes Fell. Sie ertrugen die Beiträge, wie sie auch klaglos die halbe Strecke im eisigen Schatten mitmarschiert sind.

Vorm Roten Rathaus war dann die Abschlusskundgebung. Ein junger Mann lag im Liegestuhl bei seinem Plakat: „Endlich. Arbeit wird knapp“, stand drauf. Sollen sich die Arbeitslosen doch über ihre freie Zeit freuen, hat er gesagt, und das Gesicht der Sonne entgegengereckt. ari

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