Berlin : Osteuropäische Frauenhändler angeklagt

Schleuserring brachte ukrainische Prostituierte nach Berlin. Bei den Ermittlungen war Michel Friedmans Kokainkonsum aufgefallen

Fatina Keilani/Frank Jansen

Die Kokain-Affäre des ehemaligen Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, war der spektakuläre Neben-Effekt eines groß angelegten Ermittlungsverfahrens um Menschenhandel und Prostitution. Jetzt hat die Berliner Staatsanwaltschaft gegen die mutmaßlichen Menschenhändler Anklage erhoben. Das teilte Justizsprecher Björn Retzlaff gestern mit. Der in Deutschland lebende Ukrainer Borys B. (33) und die Polen Krzysztof Ma. (25) und Mariusz Mi. (23) stehen demnächst vor der Großen Strafkammer des Landgerichts. Sie sitzen seit dem 23. April in Untersuchungshaft. Des weiteren ist die 25-jährige, in Berlin gemeldete Polin Justyna W. wegen Beihilfe zur Erpressung angeklagt. Die vier können jetzt zur Anklage Stellung nehmen.

Insgesamt werde in diesem Zusammenhang gegen 12 Verdächtige ermittelt, sagte Retzlaff. Wann der Prozess beginnt, ist noch unklar. Den jetzt angeklagten Männern wird unter anderem vorgeworfen, von Mai 2001 bis zu ihrer Verhaftung im April 2003 Ukrainerinnen nach Deutschland geschleust und hier zur Prostitution gezwungen zu haben.

Bei Zeugenbefragungen zu diesem Fall war auch Friedman wegen des Verdachts auf Drogenbesitz ins Visier der Fahnder geraten. Als seine Wohn- und Kanzleiräume Anfang Juni durchsucht wurden, fanden sich drei Tütchen mit Kokainspuren. Friedman gab wenig später alle seine öffentlichen Ämter ab. Er akzeptierte im Juli einen Strafbefehl über 150 Tagessätze wegen Drogenbesitzes in zehn Fällen , insgesamt muss er 17 400 Euro zahlen. Ob das schon geschehen ist, konnte die Staatsanwaltschaft gestern nicht sagen. Bei den Ermittlungen zum Menschenhandel war er aber zu keinem Zeitpunkt Beschuldigter, wie die Staatsanwaltschaft während des Verfahrens stets betont hatte.

Die jetzt angeklagten Männer sollen nach Justizangaben mindestens vier osteuropäische Frauen ins Land geschleust haben; drei von ihnen sollen unter Gewaltandrohung zur Prostitution gezwungen worden sein. In zwei Fällen misslang die illegale Einreise. Außerdem soll das Trio zwei Callgirlringe betrieben haben. Dort waren ausschließlich illegal eingereiste Frauen aus der Ukraine und Polen beschäftigt – mindestens 15. Den Ermittlungen zufolge wurden sie gezwungen, ihre Erlöse bei den Zuhältern abzugeben. Sie bekamen nur einen Anteil ausbezahlt. Borys B. wird außerdem Erpressung vorgeworfen. Ein deutscher Freier hatte sich nämlich in eine „seiner“ Frauen verliebt und wollte die Ukrainerin aus dem Bordell freikaufen. Dafür verlangte Borys B. von ihm 25 000 Euro sozusagen als Kaufpreis, unter dieser Bedingung würde er die Frau freigeben. Das bewertet die Staatsanwaltschaft als Erpressung. Bei den Verkaufsverhandlungen soll Justyna W. gedolmetscht haben, deshalb wird sie wegen Beihilfe zur Erpressung angeklagt.

Die Frauen Anfang zwanzig wurden in einer Boulevardzeitung als „junge ukrainische Nymphen“ angeboten, mit „Superservice H/H“. Die Buchstaben stehen für Haus- und Hotelbesuche. Unklar bleibt, warum Friedman und wahrscheinlich auch andere Prominente, darunter mehrere Politiker, ausgerechnet mit diesem Callgirlring in Kontakt kamen. Nach Informationen des Tagesspiegels hatten die Kriminellen einen enormen Kundenstamm aufgebaut, obwohl sie noch nicht allzu lange in Berlin im Geschäft waren. Die Prostituierten seien zwei- bis fünfmal pro Tag „im Einsatz gewesen“, berichtete Ende Juni ein Insider. Mehrere hundert Freier seien „im Laufe der Monate“ bedient worden. Der Insider schloss aus, dass Friedman jemals einen der Zuhälter kennen gelernt hat. Zumindest Borys B. habe kategorisch ausgeschlossen, mit Friedman gesprochen zu haben. Ob andere Kunden mit den Menschenhändlern in Kontakt gestanden haben, ist allerdings unklar.

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