Berlin : Oswalds Woche: Die Wiederkehr des Oliba

Berliner haben es immer am Besten. Ich weiss zwar nicht, welches Wetter Sie gerade geniessen, aber ich sage Ihnen, da wo ich bin, in New Orleans, ist es die Hölle. Hitzegewitter am Abend, tagsüber 30 Grad, brennende Sonne, furchtbar. Umso überraschender ist es, wie gut gelaunt die Leute hier sind, trotz des Wetters herrscht eine Super-Atmosphäre, und die Menschen hier sind so heiss wie der Asphalt von Louisiana. Wie schön wäre es jetzt, wenn einige kühlende Schneeflocken auf die brennende Haut fielen, Berlin hat es mit seinen menschenwürdigen Temperaturen so gut.

Hier in der Hitze meckern sie noch immer über die angebliche Konjunkturkrise. Weil die Börsenkurse in den letzten Monaten so stark gesunken waren, haben viele Ehemänner in den USA beschlossen, ihren Frauen das nächste Facelifting zu verweigern. Diese Geizhälse. Im Fernsehen beschweren sich die Frauen reihenweise, dass ihre nächste Schönheitsoperation ins Wasser fällt. Ist Ihr Mann genauso? Macht er auch ein Theater wegen 10 000 Mark? Und findet auch noch, dass Sie diejenige sind, die Theater macht? Dann haben Sie mit diesem Mann die falsche Karte gezogen. Lassen Sie sich sofort scheiden. Nehmen Sie einen Rechtsanwalt. Und holen Sie sich einen besseren Mann.

Aber um Gottes Willen keinen, der einen jetzt wieder modernen Schnurrbart trägt. Es ist nicht zu fassen. Eine völlig neue Generation trägt wieder Oberlippenbart, Oliba. Und zwar genau diesen fiesen, der in den 70er Jahren angesagt war. Wer ihn damals trug, marschierte an der Spitze des Fortschritts mit. Später trugen ihn nur noch Verkehrspolizisten und Günter Grass. Und Männer, die Günter Grass lesen. Bei älteren Männern, die ihn immer noch tragen, ist er ja im Grunde okay. Aber in einer Lounge sitzen und plötzlich kommen zwei Typen in den 20ern rein und tragen wirklich diese Olibas, die sie den Frauen zumuten wollen - unglaublich. Geschichte wiederholt sich. Was glauben Sie, wofür steht die Wiederkehr des Oberlippenbarts, historisch gesehen? Als der Oberlippenbart jetzt wieder aufkam, erreichten die Aktienkurse gerade ihr Tief, bevor es in den vergangenen Börsentagen wieder steil bergauf ging. Vielleicht war der Oberlippenbart ein Frühindikator, der unterschwellig auf die Wende hindeutete. Wenn also die alten Schnurrbartträger, die einst an der Spitze des Fortschritts marschierten, in der Lage gewesen wären, die Zeichen der Zeit zu erkennen, müssten sie heute nicht ihren Frauen das nächste Facelifting verweigern. Es reicht, wenn einer wie ein Walross aussieht.

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