Berlin : Oswalds Woche: Jeder Reibach hat ein Ende

Können Sie sich noch an die Sprüche erinnern? Was haben die Männer in den Bars zwischen den Cocktails laut und großspurig über ihre steigenden Aktien geredet, damals vor ein, zwei Jahren. Woher kam das Leuchten in den Augen der Männer? Frauen wissen: vom Schein der Barlampe durch die Hohlköpfe. Ist Ihnen aufgefallen, dass diese Männer seit einigen Monaten merkwürdig still geworden sind? Kein Wort mehr über Aktien. Kein Wunder: Als die Aktien stiegen, fühlten sie sich groß. Wegen der eigenen Cleverness. Seit die Aktien fallen, fühlen sie sich klein. Weil sie nicht rechtzeitig verkauft haben. Und wenn sie Geld verlieren, werden sie plötzlich wieder Sozialisten, geben den Banken die Schuld und verlangen von der Regierung Eingriffe. Und sie haben jetzt eine Person gefunden, die sich als Sündenbock eignet: Manfred Krug. Der Schauspieler war einst genau die richtige Werbefigur, um Kleinaktionäre zum Kauf der Telekom-Aktie zu überreden. Er wirkte ein bisschen durchtrieben, ein bisschen geldgierig und ein kleines bisschen unseriös. Die geschmacklosen Krawatten und die angeberischen Billig-Zigarren verliehen ihm etwas angemessen Zockerhaftes. Das hat viele Männer überzeugt. Nun aber, nachdem die T-Aktie aus luftigen Höhen in den Keller gefallen ist, fallen die Kleinzocker, unterstützt von der Boulevardpresse, über Manfred Krug her. Nicht, dass man mit Krug Mitleid haben müsste, "Liebling Kreuzberg" kann ein ziemliches Ekel sein, und das liegt nicht nur daran, dass er Berliner ist.

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Jetzt kracht es wieder. Kleinaktionär Jan Schiebold hat Krug einen Brief geschrieben: "Ich folgte Ihrem Rat, kaufte Aktien. Bei Ihnen ging ich von einem todsicheren Tipp aus. Können Sie meine Enttäuschung verstehen?" In seiner Antwort macht sich Manfred Krug über den Mann lustig. "Als die T-Aktie bei 100 Euro stand, hätten Sie sie verkaufen können. Das wäre ein schöner Reibach gewesen, und sicher hätten Sie mir keinen Dankesbrief geschrieben." Und weiter: "Wahrscheinlich konnten Sie den Hals nicht voll kriegen und haben darauf gewartet, dass die Aktie steigt und steigt. Jetzt muss ich mir Ihr Gejammer anhören." Ein vierzeiliger Vers in Krugs Brief wird hier nicht zitiert, weil er ein unanständiges Wort enthält. Zuletzt wird Krug sadistisch: "PS: Wieviel haben Sie denn verloren?"

Wo Krug Recht hat, hat er Recht. Auch Streithammel dürfen einmal Recht haben. Krugs cholerische Anfälle sind gerichtsbekannt. In Berlin ohrfeigte er einen Autofahrer und musste 6000 Mark Strafe zahlen. Ein andermal bremste er mit seinem großen Mercedes einen kleinen Golf-Fahrer aus und beschimpfte ihn als Idioten, Schwein sowie mit einem Ausdruck, der hier nicht zitiert wird. Das kostete ihn 25 000 Mark. Außerdem soll er Streit mit Mietern gehabt haben, die seine Mieterhöhung nicht akzeptieren wollten, und auf der Reeperbahn soll er einem Fotografen Prügel angedroht haben.

Wenn man das alles hochrechnet, was hätte Krug mit Kleinaktionär Schiebold nicht alles machen können? Drei Stunden Schwitzkasten mindestens und wegen Dummheit noch ein paar Kopfnüsse. Aber nein, statt dessen schreibt Krug diesen süßen Brief mit einem kleinen Gedicht. Wenn wir nicht aufpassen, wird er noch ein richtiger Charmebolzen.

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