Berlin : Otto-Hahn-Schule: Wenn das Sitzenbleiben fast zur Regel wird

Ensa Maurer

Das Paradies liegt in Britz nur wenige Minuten von der Hölle entfernt. So jedenfalls stellt sich die Realität für die meisten Schüler, Eltern und Lehrer der Otto-Hahn-Oberschule dar. Katastrophal sei eine fast zu milde Beschreibung der Zustände, die unweit des "Blub"-Badeparadieses herrschen, empört sich die Mutter eines Achtklässlers. "Allein in diesem Schulhalbjahr sind schon 20 Stunden ausgefallen, und das nicht etwa in Nebenfächern, sondern in Deutsch und Englisch!" Erwartungsvoll war sie der Einladung zu einer Diskussion über die Situation und Zukunft der Schule gefolgt. Frustriert und genervt von den "selbstherrlichen Sonntagsreden der Polit-Prominenz" auf dem Podium verließ sie frühzeitig die Veranstaltung: "Die haben doch keine Ahnung, worum es hier geht."

Das freilich kann man Lehrer Schütze nicht vorwerfen. Er griff die Eingangsrede von Rektor Freder auf, der betont hatte, dass es nicht ums Jammern ginge, sondern darum, die aktuelle Lage zu beschreiben, und unterstrich die Worte mit Zahlen: Im Durchschnitt wiesen die Klassen des siebten Jahrgangs einen Anteil von knapp 60 Prozent nicht-deutscher Schüler auf. Etwa die Hälfte der Schüler im achten Jahrgang habe die Prognose, nicht in den neunten übernommen zu werden. Empfehlungen, auf das Gymnasium zu wechseln, seien ebenso rar wie solche für die Hauptschule häufig. Und jeder Zweite komme nicht ohne Sitzenbleiben durch die Schulzeit. "Das größte Problem ist wirklich, dass viele Schüler zwar wollen, aber nicht können und uns ein beträchtlicher Anteil einfach nicht versteht."

Doch unverstanden fühlen sich auch deren Eltern und Lehrer, die zahlreich erschienen waren und der Bildungspolitik unisono eklatante Versäumnisse attestierten. Ohne auf den Vorwurf einzugehen, Fehler bei der Zuteilung der 16 000 Schüler in Nord-Neukölln gemacht zu haben, versprach der dafür zuständige amtierende SPD-Stadtrat Schimmang: "Unser Landesparteitag am 7. April wird eine ganz deutliche Neuköllner Handschrift tragen." Und, so fuhr er fort, spätestens im Jahr 2010 würden sich viele schulpolitische Probleme durch die geburtenschwachen Jahrgänge ohnehin von selbst reguliert haben.

Bei aller Einsicht dafür, dass gewachsene Krisen nur selten im Hauruck-Verfahren zu bewältigen sind, machte sich Unmut unter den rund 80 Anwesenden breit. Der Kern der Bildungsmisere seien doch nicht Klassenstärken, die nur noch ein Beaufsichtigen statt Unterrichten zuließen, oder der grassierende Stundenausfall, bekräftigte ein Lehrer die zuvor aufgestellte Forderung des Kreuzberger Grünen-Politikers Mutlu: "Das Entscheidende ist, dass der Bildung in den Haushaltsberatungen endlich die notwendige Priorität eingeräumt wird." Doch weder das wollen viele Eltern ihren Kinder zuliebe abwarten, noch den für 2005 avisierten Umzug von den verstreuten Container-Provisorien in einen Neubau.

Auf einem Plakat hinter dem Podium prangt ein Zitat des Physikers Georg Christoph Lichtenbergs: "Ob es besser wird, wenn es anders wird, weiß ich nicht. Dass es aber anders werden muss, wenn es besser werden soll, weiß ich."

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