Otto Suhr : Eine Klasse für sich

Jeder kennt die Otto-Suhr-Allee samt gleichnamigem Institut, aber wer weiß noch, wer Otto Suhr war? Vor einem halben Jahrhundert starb der Kämpfer gegen die Macht der Kommunisten.

Hermann Rudolph

Dass er Regierender Bürgermeister war zwischen Ernst Reuter und Willy Brandt, mag noch bekannt sein. Doch als er heute vor fünfzig Jahren starb, standen tausende Berliner an den Straßen – in strömendem Regen –, begleitete eine Motorradeskorte den Konvoi, der den Sarg zum Rathaus Schöneberg überführte, erklang die Freiheitsglocke. Dazu Aufbahrung vor dem Portal, Sitzung des Abgeordnetenhauses, Staatsbegräbnis mit Bundespräsident und Bundeskanzler. Selbst wenn man einrechnet, dass die Trauerrituale damals anders waren, war er offenbar für Berlin und die Bundesrepublik eine bedeutende Gestalt.

Dabei hatte Suhr das Amt nur gut zweieinhalb Jahre innegehabt. Doch der schlanke Mann mit den markanten Zügen und der obligatorischen Fliege gehörte seit Kriegsende zu den herausragenden Politikern in Berlin, eine „politische Erscheinung der Sonderklasse“, wie ihn Klaus Schütz, einer seiner Nachfolger, nannte. Suhr stand im Abwehrkampf gegen den kommunistischen Machtanspruch in vorderster Linie. Er war der Stadtverordnetenvorsteher, wie der Parlamentspräsident damals hieß, in den entscheidenden Jahren, in denen nicht zuletzt in diesem, noch für ganz Berlin zuständigen, Gremium um das Schicksal Berlins gerungen wurde. Unter ihm vollzog sich, als die Pressionen unerträglich wurden, der historische Auszug der demokratischen Abgeordneten aus der Parochialstraße in Mitte ins Studentenhaus am Steinplatz im Westen, der die Spaltung der Stadt besiegelte.

Als Regierungschef, der er 1955 wurde, stand Otto Suhr dann für die beginnende Konsolidierung nach den stürmischen Bewährungsproben des freien Berlin. Mit ihm, der übrigens den Begriff des Regierenden Bürgermeisters in die Verfassung brachte, verband sich das "Berliner Aufbauprogramm“, das die wirtschaftlichen und finanzpolitischen Instrumente zum Überleben schuf. Er brachte auch die damals noch umstrittene Verbindung Berlins mit dem Bund voran, die Eingliederung der Stadt in dessen Finanz- und Rechtssystem, bis hin zu der Mitgliedschaft im Bundesrat. Seine Wahl zum Bundesratspräsidenten im Juli 1957 – obzwar die Berliner kein volles Stimmrecht hatten – war das sichtbare Zeugnis dafür. Der Tod verhinderte, dass er das Amt auch ausüben konnte.

Willy Brandt, sein Nachfolger, rühmte Suhrs „sozialdemokratisch geprägtes Leben“. Das meinte: ein Bürgersohn, 1894 geboren, Entscheidung für die SPD im Ersten Weltkrieg, Volkswirtschaftsstudium und Gewerkschaftsarbeit, Wissenschaft und politische Praxis.

Ein wissenschaftlicher Kopf blieb er immer: Dass das Otto-Suhr-Institut seinen Namen trägt, ist kein Tribut an einen Regierenden Bürgermeister, sondern an den Wiederbegründer der Deutschen Hochschule für Politik 1945, aus der es hervorgegangen ist.

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