Berlin : „Packen wir es gemeinsam an“

Aufbruch für Deutschland: Bei der Tafel der Demokratie mit dem neuen Präsidenten zeigten die Gäste, was Flexibilität bedeutet

Annette Kögel

Mut zum Aufbruch hat der neue Bundespräsident Horst Köhler in seiner ersten Rede gefordert. Die „schöpferischen Kräfte der Menschen sollten geweckt“ werden. Wie man diese guten Vorsätze umsetzen kann, machten die 1400 Gäste der „Tafel der Demokratie“ des Vereins Werkstatt Deutschland am Brandenburger Tor gestern vor. Der Samstagabend – eine Lektion in Sachen Kreativität, Flexibilität, Hilfsbereitschaft. Denn vieles ging beim Festmahl auf dem Pariser Platz nur deshalb gut über die Bühne, weil sich alle locker mit dem arrangierten, was nicht hundertprozentig organisiert war.

„Wenn die Leute immer so flexibel sind wie bei dieser Veranstaltung, dann klappt das mit Deutschland“, sagt Sandra Maischberger am Rande. Damit sie bei einer Rede mitschreiben kann, hält ein Journalist von der „Stuttgarter Zeitung“ gern ihr Getränk. Frau Maischberger steht zwischen den Tafelreihen – die meisten Leute, die an den 164 Tischen sitzen, sind froh, dass sie endlich ihren Platz gefunden haben. Denn die Tischkarten waren kurz vor Beginn des Essens mit dem Präsidenten verschwunden. Da mussten auch Prominente wie Schauspieler Peter Sodann, Wohltäterin Ulla Klingbeil, Frisurenkreateur Udo Walz, Diplomaten-Fee Manja Feilcke, Bewag-Chef Klaus Rauscher, Moderatorin Sabine Christiansen und Adlon-Chef Jean van Daalen erstmal warten.

Die Gäste am Tagesspiegel-Tisch zeigten sich ebenfalls flexibel. Die jungen Leser Anna Brand und Ivo Duvbjak machten gern Platz für Hilda Weise, weil Stühle fehlten. Die 82-Jährige zog vor vier Jahren nach Berlin – und das Leuchten in ihren Augen zeigt, dass die Frau sich wohlfühlt in der Stadt.

Auch für Leserin Claudia Hoefs war das ein ganz besonderer Abend – wenn auch anders, als gedacht. Die Endzwanzigerin, Rechtsreferendarin und Mutter, sollte dem Bundespäsidenten persönlich die Hand nach seinem Gang durchs Brandenburger Tor schütteln. Doch entlang des blauen Teppichs hatten sich so viele Menschen mit und ohne Kamera postiert, dass an den neuen ersten Mann im Staate und seine Frau Eva gar nicht mehr ranzukommen war. Links und rechts schritten Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit und sein Lebensgefährte Jörn Kubicki Richtung Volk. Und dann all die Sicherheitsleute – keine Chance. Frau Hoefs nahm es locker, fühlte sich überhaupt geehrt, dabei zu sein und plauderte mit dem künftigen Tagesspiegel-Chefredakteur Stephan-Andreas Casdorff. Auch WAZ-Chefredakteur Uwe Knüpfer stand mit in der ersten Reihe. Frau Hoefs wiederum fragte Tagesspiegel-Leserin Catherine Schmitz, ob sie ihr nicht mal ihre sechs Wochen alte Tochter Léonie abnehmen solle. Frau Schmitz, 41, erzieht acht Kinder, Léonie ist ihr fünftes.

Und dann machen die beiden Frauen das, worum es bei der Tafel mit Speisen des Drei-Sterne-Kochs Harald Wohlfahrt vom Hotel Traube Tonbach aus Baiersbronn eigentlich geht: Sie entwerfen ihre Visionen für ein besseres Deutschland. „Sprechen Sie mich ruhig an“, hatte Köhler auf der Bühne gesagt. Also, hier einiges zum Nachdenken für die neue Aufgabe: In USA haben es Mütter viel leichter, arbeiten zu gehen. Eltern sind gesellschaftlich besser anerkannt. In den Unis rücken Professoren ihre Privatnummern raus, damit man sie vor Prüfungen selbst morgens um Rat fragen kann. Es gibt mehr studienbegleitende Praktika – ein guter Übergang ins Berufsleben.

Auch Sänger Frank Zander, der sich für Obdachlose engagiert, war nachdenklich. „Ich frage mich, was das für eine Zeit ist, in der die Börse positiv reagiert, wenn eine Firma Leute entlässt.“

„Ich wünsche uns ein Land, in dem Führungskräfte nicht nur an Profitmaximierung und Export von Arbeitkräften denken“, sagte Unternehmensberater Turgut Findikgil stellvertretend für die Tagesspiegel-Leser ins Mikro. Er bekam Beifall – hob das Glas auf den Präsidenten, und 1400 prosteten mit ihm Köhler zu: „Packen wir es gemeinsam an. Glückauf.“

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