Berlin : „Pädophile an fast jedem Kinderspielplatz“

Berlin ist bei Kinderschändern besonders beliebt, sagt ZDF-Reporter Karremann, der lange im Milieu recherchierte – jetzt wird er bedroht

Volker Schultze

Die Anspannung ist dem Mann anzumerken: Den ganzen Tag nichts gegessen, nächtelang kein Auge zugetan. „Eigentlich dachte ich, nach den Veröffentlichungen ist der Stress vorbei“, sagt Manfred Karremann. Aber seit das ZDF am Dienstag seinen Film „Am helllichten Tag“ über Pädophile in Berlin und München in der Reihe „37 Grad“ ausstrahlte und die zweiteilige Serie dazu im „Stern“ erschien, hat der Journalist aus Süddeutschland keine ruhige Minute mehr. Entsetzte Mütter haben sich gemeldet. Und Männer aus der Szene, in die sich Karremann ein Jahr lang als vermeintlich Pädophiler eingeschlichen hatte. Männer, die gewaltbereit sind, Männer, die ihm drohen. Karremann will sich deswegen auch nicht fotografieren lassen.

Karremanns Recherchen wurden in Berlin wie in München von Anfang an von der Kriminalpolizei begleitet. Am Dienstag beginnt der Prozess gegen die auch durch seine Recherchen aufgeflogenen Sexualstraftäter Ilja S. und Alfred B. – bei ihnen in der Wohnung an der Leipziger Straße in Mitte war Manfred Karremann während der halbjährigen Recherche in Berlin einige Male zu Besuch. Die Wohnung war Treffpunkt von Männern, die mit „ihren Kids“, wie sie die Mädchen und Jungen nennen, toben, spielen, kuscheln – bis sie ihre Gegenleistung verlangen. Im Film redet Ilja S. sogar davon, dass die Kinder bei ihm „gerubbelt haben“. Er selbst habe persönlich keine sexuelle Handlung mitbekommen, sagt Karremann. Um das zu beweisen, ließ er bei jedem Besuch die Kamera mitlaufen, mal offen, mal versteckt – da hatte sich der seit 13 Jahren fürs „ZDF“ und den „Stern“ tätige Journalist auch bei den Hausjuristen beider Medien abgesichert. „Damit sich nicht hinterher womöglich die Frage nach unterlassener Hilfeleistung stellt. Das wäre für mich schon moralisch selbstverständlich gewesen einzugreifen, wenn eine konkrete Tat angestanden hätte.“ Wie man sich bei Recherchen an brenzligen Themen absichert, wisse er, sagt Karremann. Das habe er gelernt, als er Mitte der 90er für den „Stern“ Aufsehen erregende Reportagen über Tiertransporte gemacht hat.

Aber warum engagiert sich da einer über so eine lange Zeit, ohne freies Wochenende, mit immer weniger Zeit fürs Privatleben? Karremann, Anfang 40, hat früher beim Jugendamt gearbeitet, so kam er auf das Thema. Schon einmal hat er für das ZDF einen Film gedreht über sexuellen Missbrauch von Kindern. Und wusste so, dass es in Berlin die meisten Pädophilen gibt. „Viele ziehen extra um, weil die Stadt als so locker und tolerant bekannt ist.“ Die meist männlichen Täter bilden schnell Netzwerke, kommunizieren per Internet. Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten, man trifft sich in wechselnden Kneipen. Oder in Selbsthilfegruppen, in denen die Männer die sexuelle Selbstbestimmung von Kindern fordern. Die Täter empfinden den Kontakt wie eine Liebesbeziehung zu einem Erwachsenen, sie seien „richtig mit ,ihren Kleinen’ zusammen“, sagt Karremann. Etliche der Pädokriminellen suchen Zugang zu Kindern als Betreuer, als Nachhilfelehrer, als Sporttrainer. Es gebe in Berlin kaum Kinderspielplätze oder Schwimmbäder, wo die Pädophilen nicht seien, ist der Journalist überzeugt. Deutschlandweit gebe es 60000, in Berlin einige tausend. Nur einige hätten es auf Kleinstkinder abgesehen.

Pädokriminelle, so seine Erkenntnis, können meist besonders gut mit Kindern umgehen. Geben ihnen jene Zuwendung, die ihnen manche Eltern nicht geben können. Sprechen sie zum Beispiel so an: „Mädchen, du hast ja ein dreckiges Kleid. Da wird die Mama aber schimpfen! Komm, wir gehen das mal schnell sauber machen.“ Viele dieser Männer sind mit den Eltern der Kinder befreundet, die mit den Mädchen oder Jungen auf den Rummel oder ins Kino gehen. Manfred Karremann: „Da kämen die Mütter niemals auf die Idee, dass die Männer sich an den Kindern vergreifen würden.“

Manfred Karremann und sein Team im Hintergrund haben oft versucht, die Eltern zu warnen, wie jene eines Jungen, dessen pädophiler väterliche Freund über seine HIV-Infektion redete. „Aber die Mutter hat uns das nicht glauben können.“ Manchmal kam er aber erst gar nicht an die Eltern heran. „Die Männer sind teils sehr eifersüchtig, schirmen ihr Kind von anderen ab.“ Mitunter ist Karremann einfach mit den Kindern ins Kino gefahren, um die Männer auf diese Weise fern zu halten. Ilja S. und Alfred B., die jetzt wegen 22 und 44 Taten vor Gericht stehen, gehören „nicht zu den extremsten Vertretern der Szene“, sagt der Journalist. Sie haben alle Taten zugegeben und den Kindern so das Auftreten vor Gericht erspart.

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