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Pädophilie bei Parkeisenbahn : Junge bat schon 2002 um Hilfe

Im Fall von Kindesmissbrauch bei der Parkeisenbahn wandten sich ein Opfer bereits früh an den Chef der Einrichtung. Doch es geschah nichts. Jetzt werden immer mehr Täter verurteilt. Und der Geschäftsführer soll gehen.

Bitte zurückbleiben! Mit ordentlichen Uniformen ausgestattet spielten Kinder und Jugendliche in der Wuhlheide Eisenbahn. Dabei kam es zu sexuellen Übergriffen.
Bitte zurückbleiben! Mit ordentlichen Uniformen ausgestattet spielten Kinder und Jugendliche in der Wuhlheide Eisenbahn. Dabei kam...Foto: Imago

Nach einer der schockierendsten Serien von pädophilen Taten in Berlin haben am Donnerstag zwei Angeklagte im Prozess um den jahrelangen Kindesmissbrauch bei der Parkeisenbahn Wuhlheide gestanden. Jetzt wurde zudem bekannt, dass der Geschäftsführer der Parkeisenbahn GmbH, Ernst Heumann, schon im Jahr 2002 von einem offensichtlichen Missbrauchsfall in Kenntnis gesetzt wurde – und diesen unter den Teppich kehrte. Bislang hatte er beteuert, von nichts gewusst zu haben. Heumann sei als Geschäftsführer der gemeinnützigen Gesellschaft nicht mehr tragbar, sagte der Landesbeauftragte für die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle, Klaus Ulbricht, dem Tagesspiegel. Die Senatsjugendverwaltung bekräftigte die Forderung, Heumann müsse zurücktreten oder abberufen werden.

Der frühere Bahnhofsleiter bei der Parkeisenbahn hielt sich einen Aktendeckel vor das Gesicht, als er auf den Gerichtssaal zuging. Tobias N., 31 Jahre alt und Zugbegleiter bei der Deutschen Bahn, ist der Hauptangeklagte im dritten Prozess. Die Anklage ging von 13 Übergriffen auf fünf Jungen in der Zeit von Sommer 2001 bis 2007 aus. Mit angeklagt wegen drei Taten ist Steffen M., der nicht zum Team der Hobby-Bahner gehörte. Er lernte sein Opfer durch Tobias N. kennen.

Es geschah auf dem Gelände der Bahn und oft in den Wohnungen der Angeklagten. N. nutzte seine Position gegenüber den Opfern aus. Er war mit 15 Jahren gekommen, wurde 1998 Bahnhofsleiter und war bis 2007 Verantwortlicher Leiter für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Er war in der Lage, sich Jungen, die es bis zum Schaffner, Schrankenwärter, Rangierleiter oder gar Lokführer bringen wollten, gefügig zu machen.

Zehn Übergriffe auf zwei Schützlinge gab N. zu. „Ich habe gebilligt, dass sie sich nur deshalb auf sexuelle Handlungen einließen, weil ich ihnen in meiner Funktion bei der Parkeisenbahn übergeordnet war“, hieß es in einer von seinem Verteidiger verlesenen Erklärung. Auch M., von Beruf Lokführer und bei einem Personaldienstleister angestellt, überließ das Reden seinem Anwalt. Einen 14-jährigen Hobby-Bahner missbrauchte er. „Es kam zu Intimitäten, ich war neugierig.“ Auch zu Oralverkehr sei es gekommen. Ihm sei erst später klar geworden, „wo die Grenzen liegen“.

Die nach außen heile Welt im Kinder-Eisenbahner-Idyll zerbrach im September 2010 mit einer Anzeige der Schwester eines Opfers. Bald zeichnete sich ab, dass der Missbrauch kein Einzelfall war. Er hatte System, aufgebaut auf Belohnung. Opfern winkte ein schneller Aufstieg in der Bahnhierarchie.

Inzwischen sind drei frühere Mitarbeiter der Parkeisenbahn nach Geständnissen zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Im Prozess gegen N. stellte das Gericht drei der Vorwürfe vorläufig ein. Ein Nebenklage-Anwalt sagte am Rande des Prozesses: „Viele Taten hätten verhindert werden können, wenn man früher die Notbremse gezogen hätte.“

Doch genau dies geschah nicht: Es gibt ein Sitzungsprotokoll von 2002, das der RBB dem Aufarbeitungs-Beauftragten Klaus Ulbricht vorlegte. Ein Junge hatte beklagt, Betreuer Thomas W. habe ihn intim berührt. Heumann und ein Kollege wirkten auf das Kind ein, die Vorwürfe wurden verschwiegen. W. wurde Jahre später wegen Kindesmissbrauchs bei der Bahn verurteilt. In der „Abendschau“ gab Heumann das Treffen zu, auf Tagesspiegel-Anfrage reagierte er gestern nicht. Bei der Jugendverwaltung hieß es, man fordere, dass ein erfahrener freier Träger der Jugendarbeit in die Parkeisenbahn eingebunden werde und Hierarchien abgebaut werden. Die Parkeisenbahn hat bereits einen Kinderschutzbeauftragten benannt und klärt Eltern mit dem Missbrauchhilfsverein „Berliner Jungs“ auf.

Am 29. Mai geht der Prozess weiter.

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